Vor 10 Jahren: Hase & Igel - Spiel – Autor

Das Spiel

1969, im Jahr der Mondlandung entwarf David Parlett ein Weltraumspiel, das aber noch nicht „rund“ lief. 1973 griff er die ursprüngliche Idee auf und entwickelte daraus in kürzester Zeit HARE & TORTOISE, das 1974 bei Intellect Games in England veröffentlicht wurde. 

Unter dem Titel HASE UND IGEL erschien das Spiel im Jahr 1978 im Hause Ravensburger. Die Ausstattung stammte vom Designerpaar Büttner & Plümacher. 
Glaubt man den Gründungsmitgliedern des Vereins, wurde HASE UND IGEL beim Verlag nach kurzer Zeit als Niete eingestuft. Es sähe aus wie ein Kinderspiel, sei dafür aber viel zu kompliziert. Außendienst und Verkaufspersonal wären damit überfordert. Ohne die Auszeichnung als „Spiel des Jahres“ wäre HASE UND IGEL wohl bei Ravensburger aus dem Programm geflogen und hätte nicht seinen über 30-jährigen ununterbrochenen Siegeszug angetreten. 

Das Publikum griff sofort mit einer unerwartet hohen Akzeptanz die Auszeichnung auf und spielte los. Wer sich einmal auf HASE UND IGEL einließ, den zog es sofort in seinen Bann, und der empfahl es weiter. Ein pfiffiger und origineller Preisträger, ein strategisches Wettrennen, wurde so zum Millionenerfolg. 

(Bild: Preisverleihung: Ministerin Huber, Erwin Glonnegger, David Parlett (Bild: Glonnegger))

Parlett selbst charakterisiert es als „das erste Rennspiel, in dem die Spieler die Bewegung ausschließlich durch strategische Aktionen (Karottenmanagement) steuern. Es ist daher nicht nur ein neues Spiel, sondern begründet eine ganz neue Kategorie. In dieser Beziehung ähnelt es „Monopoly“, das seinen Erfolg ebenfalls daraus schöpfte, dass es eine völlig neue Art von Spiel darstellt.“

Die alte Fabel über den Wettlauf der ungleichen Kontrahenten gibt einen passenden Rahmen. Es gilt zwar als erster das Ziel zu erreichen, doch nicht, wer vorne weg losstürmt, gewinnt, sondern derjenige, der über die gesamte Strecke planvoll seine Energie einteilt und im richtigen Moment zum Endspurt ansetzt. Vor dem Rennen erhält jeder den gleichen Vorrat an Karotten und Salat. Die Salatköpfe müssen unterwegs verspeist werden. Diese Salatpausen kosten Zeit und müssen sorgfältig geplant werden. Denn nur an wenigen Orten ist diese Rast erlaubt. Jeder Schritt auf dem Weg ins Ziel kostet Möhren. Ein Schritt kostet eine Möhre, zwei Schritte drei und drei Schritte bereits sechs Karotten. So ist der Anfangsvorrat schnell verbraucht. Neue Karottenenergie gibt es für denjenigen, der aussetzt oder gar zurückgeht. Wer den besten Rhythmus zwischen vorwärts, rückwärts und Verweilen findet, gewinnt.

Die „Hasenfelder“ stellen den einzigen Glücksfaktor dar. Man kann ihn aber ausschalten, indem man diese Felder meidet. Ursprünglich wollte Parlett hier würfeln lassen. Auf einer Tabelle waren Ereignisse abzulesen. Das Ganze war so gestaltet, dass der Zurückliegende auf jeden Fall Vorteile hatte. Ravensburger lehnte das Konzept ab, weil das Spiel „absolut würfelfrei“ sein sollte. Statt dessen verwendete man Ereigniskarten.

Im Jahr 2000 machte HASE UND IGEL einen Ausflug zum Verlag Abacus-Spiele. Hier erhielt es ein neues Outfit im Comic-Stil und die Protagonisten wurden als Rennfahrer ausstaffiert - eine gelungene Verbindung zwischen Fantasy und Moderne, die aber recht umstritten war.

Doch auch der Spielplan erfuhr Veränderungen, die auf den nunmehr jahrzehntelangen Erfahrungen des Autors mit seinem Werk fußten. Um das Glücksmoment noch weiter zu reduzieren, erfolgte eine Neupositionierung der Salatfelder, so dass der Startspieler es nicht mehr auf Anhieb erreichen kann.

Im Jahr 2008 holt Ravensburger zum eigenen 125-jährigen Firmenjubiläum den früheren Erfolgstitel zurück. In der Reihe „Unsere besten Familienspiele“ erscheint es mit dem nostalgischen Cover aus dem Jahr 1978 wieder einmal neu auf dem Markt. Die Verbesserungen bei der Felderverteilung wurden beibehalten und auch mit den neuen Ereigniskarten ist der Autor zufrieden. Interessant ist die Altersempfehlung. 1978 lautete sie „ab 8“, bei Abacus hieß es dann „ab 12“ und die aktuelle Neuauflage ist „ab 10 Jahren“.

Es spricht für sich selbst, dass HASE UND IGEL seit 1974 ununterbrochen am Markt ist. Über 2 Millionen Exemplare in mindestens 10 Sprachen wurden verkauft. In der (ehemaligen) Tschechoslowakei und in Argentinien wurden sogar nicht lizenzierte Raubkopien veröffentlicht.

     

Bild 1: Prototyp (Bild: Parlett)
Bild 2: Ravensburger 1979
Bild 3: Gibson Games 1987 (Bild: Parlett)
Bild 4: Abacus 2000
Bild 5: Ravensburger 2008
Bild 6: Argentinische Raubkopie (Bild: Parlett)

Der Autor

David Parlett, Jahrgang 1939, ist gebürtiger Londoner und lebt auch heute noch dort. Er und seine Frau Barbara haben zwei Kinder und einen Enkel. 
Seine Leidenschaft für Spiele entdeckte er bereits in seiner Kindheit. Er beschränkte sich dabei nicht nur auf das Spielen, sondern entwickelte schon eigene Ideen. 

Zunächst studierte Parlett moderne Sprachen (Französisch und Deutsch) in Wales und machte seinen Abschluss im Jahr 1961. Sechs Jahre lang unterrichtete er Französisch an der Schule, bevor er beschloss den Beruf zu wechseln. Auslöser für diesen Entschluss war die Veröffentlichung von zwei seiner Bücher über Sprachen. Er fand eine Anstellung bei einer PR-Agentur für Werbepublikationen für Architektur. Dort erstellte er technische Beschreibungen. 

Doch bald holte ihn seine Spieleleidenschaft wieder ein. Im Jahr 1972 kaufte er ein Exemplar der ersten Ausgabe des Spielemagazins „Games and Puzzles“. Er wurde dort bald Autor und Kritiker. Ein Jahr lang war er sogar Herausgeber. Dies war der Auslöser, seine Anstellung bei der PR-Agentur aufzugeben und 1975 Freiberufler in Sachen Spiele zu werden: Dazu gehörte schreiben, entwickeln, beraten. 

Sein erstes Spiele-Buch „Teach Yourself Card Games for Three“ erschien 1977. Zahlreiche weitere Bücher und Spiele sollten folgen. Der große wirtschaftliche Erfolg von HASE UND IGEL sicherte mehrere Jahre lang seine Selbständigkeit ab. Noch jüngeren Datums ist sein Amt als Präsident der Britischen Skat Vereinigung, die er im Jahr 2000 mit begründete.

David Parlett liebt außerdem mittelalterliche Literatur und Musik britischer Komponisten und hat auch darüber gearbeitet.

Dorothee Heß (Januar 2008)