Spieleautoren-Stipendium 2014/15

Bericht Teil 3: Praktikum beim Spieleautor Jens-Peter Schliemann

Von Janosh Kozák

Direkt nach meinem einwöchigen Einblick in die Ravensburger Spieleschmiede ging es zurück zur Wurzel des Spieleschaffens: Ich durfte eine Woche in die Arbeit des Spieleautors Jens-Peter Schliemann hineinschnuppern.
Als einer der wenigen hauptberuflichen Spieleautoren in Deutschland arbeitet er in und aus Köln mit dem Fokus auf Kooperationsproduktionen.

Am Montag trafen wir uns am Ebertplatz in Köln zum Mittagessen, um erst einmal etwas in Spielstimmung zu kommen und das Eis zu brechen. Anschließend präsentierten wir uns einige Stunden lang gegenseitig Prototypen. Dabei überreichte mir Jens-Peter ein Exemplar seines Spiels TALO. Dieses Spiel sollte im Laufe des Tages noch eine große Rolle spielen, da wir am Abend eine Verabredung mit Jens-Peters Mitentwicklern Bernd Poloczek und Uta Krüger hatten.

Gemeinsam war das Trio gerade mit der Nachfolgeversion beschäftigt. Das Spannende an diesem Abend war, dass das Spiel aus einem konkreten Mangel an anschaulichem Lernmaterial für Kinder entstanden war und die beiden Pädagogen kurzerhand die Initiative ergriffen hatten, das Problem zu lösen.
Das Produkt dieser Arbeit bestätigte meine persönliche Haltung zum Brettspiel, dass die treibende Kraft beim Spieleerfinden mehr sein kann oder vielleicht sogar sein muss als die bloße Lust, ein Spiel zu erfinden. Freunde in Köln, mit denen ich das Spiel in den kommenden Tagen noch einmal anspielte, teilten meinen Enthusiasmus.

Am nächsten Tag stand ein Treffen mit Ulrich Blum an: auch er ein ansässiger Spieleautor, zudem ehemaliger Stipendiat des Vereins Spiel des Jahres sowie von 2013 bis 2015 Vorsitzender der Spieleautorenzunft. Bei mir machte sich allmählich das Gefühl breit, im Silicon Valley der Spieleautoren gelandet zu sein. 
Das Spiel, an dem Jens-Peter und Ulrich gerade arbeiteten, war in seiner Entwicklung noch einige Stufen vor dem Stand von TALO, weswegen der Leser an dieser Stelle leider auf Einzelheiten verzichten muss. Nur so viel sei gesagt: Ich konnte an diesem Abend gut schlafen!

Den Rest der Woche standen weitere Treffen mit den Kooperationspartnern Dorothee Freitag und Andreas Becker in einem wahnsinnig schönen Atelier am Rhein, mit Schliemanns langjährigen Partner Bernhard Weber, mit dem Jens-Peter bis jetzt die größten Erfolge feiern konnte, sowie der Verlegerin und Spieleautorin Tina Schuster von Haptikon an.

Das gewaltige Reise-, Rede- und Spielpensum, das ich mit Jens-Peter in dieser Woche absolvierte und das ehrlich gesagt den Großteil meiner Kräfte in Anspruch nahm, war die konzentrierte Zusammenfassung seiner Arbeit und, wie er mir auch versicherte, nicht mit seinem üblichen Arbeitsalltag zu vergleichen. Neben dem aktiven Denk- und Entwicklungsprozess gehört schließlich auch immer die Übertragung der Gedanken in Spielmaterial zur Arbeit eines Spieleautors. Und natürlich Testen, Testen, Testen.

Ich finde den Ansatz, Spiele in wechselnden Teams zu entwickeln, sehr spannend. Jeder, der bereits ein Spiel kreiert hat, weiß, dass es ohne eine gute Testrunde nahezu unmöglich ist, die Entwicklung eines Prototypen voranzutreiben. – Denn was wäre ein Gesellschaftsspiel ohne die Gesellschaft?

Teil 1: Praktikum im Deutschen Spielearchiv Nürnberg
Teil 2: Praktikum im Ravensburger Spieleverlag
Teil 4: Praktikum in der Spieleburg Göttingen