Spieleautoren-Stipendium 2013/14

Bericht Teil 4: Praktikum in der Spieleburg

Von Michael Luu

Die Spieleburg in Göttingen

Die Spieleburg öffnete ihre Pforten 1995 in Göttingen. Damals noch in der Burgstraße, ist sie dann zwei Jahre später in die Theaterstraße gezogen. 
Dort blieb sie dann viele Jahre am selben Ort. Nachdem aber dem Geschäftsführer Arne Soltendieck die Räumlichkeiten nicht mehr ausreichten, um das gewünschte Spielesortiment zu präsentieren, fasste er den Entschluss, ein weiteres Mal umziehen, um langfristig attraktiv zu bleiben. Diesmal war es aber nur ein kurzer Weg, denn er konnte mit seinem Laden ein paar Häuser weiter in eine größere Örtlichkeit umziehen. Seit Mai 2014 präsentiert er die Spieleburg nun in neuem Glanz mit einem noch größeren Angebot. Das aktuelle Team besteht aus acht Mitarbeitern: eine Angestellte, zwei Auszubildende und fünf Aushilfskräfte.

Mit seinem Konzept kommt Arne bei seinen Kunden sehr gut an. Ob nun Gelegenheits- oder Vielspieler, Brettspielneulinge oder Erfahrene, Erwachsene oder Kinder: Alle fühlen sich immer sehr gut beraten und werden am Ende fündig. An manchen Tagen werden nach Ladenschluss Brettspielaktivitäten angeboten. Dabei kann jeder Interessierte verschiedene Brettspiele ausprobieren, Sammelkartenspiele spielen, an Turnieren teilnehmen oder sich von anderen ausgewählten Spielemottos begeistern lassen.

Die Verkaufsfläche der Spieleburg ist hell beleuchtet, modern und wirkt sehr einladend. Jeder Artikel wurde seiner Zielgruppe und/ oder seiner Marke entsprechend gruppiert und hat einen eigenen Platz gefunden. In verschiedenen Bereichen finden die Besucher Brettspiele sowie Spielzeug zum Ausprobieren, was besonders für die Kinder sehr anziehend ist. So gab es während meiner Praktikumszeit frei verfügbar eine Murmelbahn, einen Tipp-Kick-Tisch und den Tiptoi Stift vom Ravensburger Spieleverlag. In den Brettspielregalen findet der Besucher außerdem häufig bereits geöffnete Schachteln. Damit hat er die Möglichkeit, sich den Inhalt anzuschauen und das Spiel in einem separaten Bereich der Spieleburg anzuspielen, bevor er eine Kaufentscheidung fällt.

Die Spieleburg – Vorbereitung auf die Messe

Wie beim Hans im Glück-Praktikum auch, habe ich mich wieder für die Kombination Praktikum und Messe entschieden. Das bedeutete in diesem Fall vier Tage Praktikum in Göttingen in der Spieleburg, danach fünf Tage Messeaufbau und –präsenz auf der Spielemesse in Essen. So konnte ich zum einen die Kunden beobachten und mir ein Bild von der Spieleburg verschaffen, zum anderen konnte ich miterleben, wie sich Arne und sein Team auf die Messe vorbereiten. 

Klar war für mich, dass die Messevorbereitung oben auf der Tagesordnung stand. Als ich am Donnerstag, meinem erster Praktikumstag, ankam, sah ich bereits hinten im Laden fünf vollgestapelte Paletten. Vier weitere sollten in den nächsten Tagen noch vorbereitet werden. Arne bringt jährlich über 1000 Spiele zur Messe mit, die dann auf mehreren Ständen unter dem Namen "Spieleburg" verkauft werden. Dieses Jahr sollten es insgesamt vier Stände werden. Die Messespiele kommen aber nicht ausschließlich aus dem Lagerbestand der Spieleburg, sondern es wurde auch ein großer Teil extra für den Messeverkauf bestellt.

Welche Spiele in welcher Anzahl mitgenommen werden, entscheidet Arne mit seinem Team. Dabei achten sie auf eine gute Mischung zwischen Neuheiten, Verkaufsschlagern, Klassiker und Schnäppchen.
In den ersten Tagen half ich dabei, die Paletten für den Transport vorzubereiten. Jede Palette war dabei einem bestimmten Messestand zugeordnet und entsprechend sichtbar gekennzeichnet.

Neben den ganzen Brettspielen mussten aber auch Regale mit nach Essen transportiert und dann vor Ort aufgebaut werden. Mietregale des Messeveranstalters zu nutzen wäre zwar möglich gewesen, hätte die Standkosten aber deutlich gesteigert. Nachdem die Paletten mit den Spielen fertig verpackt waren, mussten also als nächstes die Regalteile für die Stände zusammengestellt werden. Auch diese wurden auf Paletten verpackt und gekennzeichnet, damit später eine schnelle Standzuordnung möglich war. 

Ein Treffen mit den Spieleautoren Reinhold Wittig und Hilko Drude

Während meiner Zeit in Göttingen ergab sich die Chance, zwei ganz besondere Spieleautoren zu treffen. Ich wurde von Hilko Drude zu einem Treffen mit ihm und Reinhold Wittig eingeladen. Der Ort des Treffens war die Wohnung von Reinhold Wittig. Ich hatte bereits das eine oder andere von Reinholds kunsthandwerklichem Geschick gehört. Doch was sich mir in seinen vier Wänden anbot, übertraf all meine Vorstellungen. Einfach unglaublich! Die Wohnung war ein einziges Kunstmuseum. Egal, wo man hinsah: Überall waren selbst angefertigte Skulpturen und Marionetten. Reinhold besitzt das Talent, in scheinbar nutzlosen Schrottgegenständen die Umrisse oder Körperteile von Tieren und Wesen zu erkennen. So nutzt er beispielsweise den Benzintank eines Motorrads als Korpus für einen Ochsen. Das Lieblingsmaterial von Reinhold ist aber das Holz, woraus viele seiner Spieleprototypen bestehen.

Nach dem kleinen Rundgang haben wir dann natürlich gespielt. Die ersten drei waren Spiele von Reinhold Wittig. Die Spiele zeichneten sich neben der brillanten Umsetzung auch durch ein klares und einfaches Regelwerk aus, das die Spieler trotz allem ins Grübeln bringt. Den Abend beendeten wir mit dem ersten veröffentlichten Spiel von Hilko, „Pari“ hieß es. In „Pari" geht es darum, durch geschicktes Legen seiner Handkarten mathematische Gleichungen zu lösen und dadurch Punkte zu ergattern. Ein wirklich schöner Abschluss.


Der neue Spieleburgmitarbeiter
 
Samstag gab es viel zu tun. Nicht nur, weil wir uns immer noch in der Messevorbereitung befanden, sondern auch weil sehr viele Kunden in den Laden kamen. Dabei waren die meisten Kunden auf der Suche nach Geschenken oder neuen Unterhaltungsmöglichkeiten für die Kinder oder sich selbst. Ich wurde mit der Kasse vertraut gemacht, so dass ich hinter der Theke kassieren konnte. Aufgrund des Barcode-Scanners und des eingesetzten Kassensystems war es sehr einfach, und so konnte ich schnell alleine die Stellung halten, während sich die Spieleburg-Kollegen vorne um die Kundenbetreuung kümmerten. Nun war ich für einen Tag der neue Spieleburgmitarbeiter. Das hat mir richtig viel Spaß gemacht.

Mir wurde noch gezeigt, wie angelieferte Waren im Computer erfasst werden. Die Spieleburg arbeitet dabei mit einer sehr hilfreichen Software, mit welcher stets der aktuelle Warenbestand des Ladens angezeigt werden kann. Neue Artikel müssen im System neu aufgenommen werden. Darüber hinaus sind auch wichtige Informationen zu jedem Artikel hinterlegt, wie beispielsweise Hersteller, Artikeltyp, Artikelbeschreibung, Lagerbestand, Einkaufspreis, Verkaufspreis und so weiter. Schnelle Artikelabfragen sind möglich. Das freut nicht nur die Mitarbeiter, sondern auch die Kunden, die nach einem bestimmten Spiel suchen.

Der letzte Tag in Göttingen

Am Sonntag kamen viele Helfer, um bei der LKW-Beladung zu helfen, darunter auch Florian Herold. Von Florian erhält Arne bereits seit neun Jahren tatkräftige und unentbehrliche Unterstützung. Zusammen mit Arnes Ex-Mitarbeiterin Steffi kümmert er sich um das komplette Messemanagement. Dies beinhaltet die Beladung, den Transport, den Standaufbau, die Mitarbeiterorganisation, die Logistik, den Verkauf, den Abbau und den Rücktransport. Florian selbst hat in Lübeck auch einen Spieleburg-Laden gehabt, ihn aber aus persönlichen Gründen aufgegeben und in andere Hände übergeben. Aufgrund der vielen Helfer konnten schnell alle Paletten auf die zwei gemieteten LKW geladen werden, so dass man sich nachmittags verabschieden konnte. 

Der Messeaufbau

In den ersten drei Tagen in Essen ging es darum, die vier Messestände schnell aufzubauen und die Waren vernünftig zu präsentieren. Ich wurde für den größten Stand in Halle 2 eingesetzt. Die Theke war auf 20 Quadratmetern o-förmig angelegt. 
Neben den in Göttingen vorbereiten Paletten kamen immer wieder bestellte Spielelieferungen am Stand an. Ich stand oft hilflos vor dem großen Berg an Brettspielen und war immer wieder froh, wenn Florian mir sagte, wo und wie sie am besten am Stand aufgestellt werden sollten. Von ihm lernte ich viel über die Warenpräsentation und Marketingstrategie. Neuheiten und Verkaufsschlager wurden in Massen übereinander gestapelt und vor der Theke aufgestellt.

Außerdem kamen von jeder Neuheit jeweils einige Exemplare auf die Regale, die sich zwei bis drei Meter über dem Stand befanden und dadurch von weitem bereits gut zu erkennen waren. Stark reduzierte Waren, die Sonderangebote, bekamen einen eigenen Platz. Unter der Theke - nur für die Mitarbeiter sichtbar - wurde ein kleiner Lagerbestand für den Stand geschaffen. Dabei mussten wir uns wegen des Platzmangels auf eine begrenzte Auswahl an unterschiedlichen Spielen beschränken. Allerdings befanden sich draußen vor der Messehalle ja noch die zwei LKW, auf denen viele Paletten Brettspiele lagerten und alle Spieleburg-Stände versorgten.

Von allen Spielen wurde jeweils ein Exemplar bepreist. Damit die Kunden nicht nach dem Preis fragen mussten, sollte an die Messekunden nur unbepreiste Exemplare verkauft werden, es sei denn, es handelte sich bereits um das letzte Exemplar. Bei jedem Verkauf musste die Theke wieder mit demselben Spiel oder einem anderen aufgefüllt werden, damit der Stand immer gut sortiert aussah. Parallel dazu musste ein Bestellzettel von jedem Stand geführt werden. So konnte sich jeder Stand Spiele vom LKW liefern lassen, die am Stand nicht mehr verfügbar waren. Für die Warenauslieferung wurde ein Team zusammengestellt, das die ganze Zeit über bei den LKW blieb. Einige benötigte Spiele, die selbst in den LKW nicht vorhanden waren, konnten sogar kurzfristig von Lieferanten der Spieleburg innerhalb der Messezeit auf den Stand geliefert werden. Für mich war das ein rundes Konzept, bei dem die Aufgaben klar verteilt waren.

Das Kaufverhalten der Messebesucher 

Die "normalen" Käufer habe ich unterschiedlich wahrgenommen. Es kamen Familien mit Kindern, spielebegeisterte Teenager, Lehrer, internationale Spielfreunde und bekannte Gesichter der Spielebranche. So hatte ich beispielsweise viele Mitglieder der Hamburger Spielkultur und des Hamburger Spielwerks sowie den freien Journalisten Sebastian Wenzel, der unter anderem für die Zeitschrift spielbox tätig ist, und Matthias Nagy getroffen, den man von "What’s Your Game", „spielbar“ und "Bretterwisser" kennt. Die Mehrheit der Käufer hat sehr gezielt eingekauft und wusste sofort, wonach sie suchte. Teilweise hatten sie sich Einkaufszettel gemacht, die sie nun abarbeiten wollten. Nur einmal habe ich eine Mutter beraten, die für ihren 8-jährigen Sohn ein Strategiespiel kaufen wollte.

Unglaublicherweise waren die internationalen Messebesucher sehr stark vertreten, so dass meine Englischkenntnisse immer wieder zum Einsatz kamen. Vom Gefühl her würde ich vermuten: 60 Prozent deutschsprachiges und 40 Prozent nicht deutschsprachiges Publikum. Dies führte bei mir dazu, dass ich längere Zeit im Englischmodus blieb. Natürlich habe ich mich dadurch manchmal versehentlich mit einem deutschen Kunden auf Englisch unterhalten. Ansonsten waren, soweit ich das zuordnen konnte, Franzosen, Spanier, Belgier und Niederländer stark vertreten. Zwei Mal kam bei asiatischen Käufern sogar meine Muttersprache zum Einsatz.

Eins war bei den Käufern sehr auffällig: Alle, die ein Smartphone besaßen, verglichen im Internet die Preise. So wussten sie ganz genau, ob sie wirklich ein Schnäppchen in den Händen hielten oder nicht. Im rasanten Wandel des technischen Fortschritts ist dies für den Käufer sehr praktisch geworden, für den Verkäufer hingegen eine eher unangenehme Entwicklung. Dabei stellt der Vergleich die Onlinehändler überwiegend in einem besseren Licht dar, da diese oft bessere Konditionen von den Lieferanten erhalten als der klassische Einzelhändler im Laden. Außerdem muss der Onlinehändler keine Kosten für den Auf- und Abbau und die Standmiete tragen.

Trotzdem sind die Messepreise deutlich attraktiver als die im Handel, da dies von den Messebesuchern erwartet wird. Es wird viel gefeilscht. Häufig fordern die Käufer bereits ab zwei bis drei Spielen einen Mengenrabatt ein. Ob dieser zusätzliche Rabatt gewährt wird, musste von Fall zu Fall entschieden werden. Dies war eine Herausforderung für mich. Ich wollte ja nicht der Spieleburg Verlustgeschäfte bescheren. Daher habe ich weitestgehend versucht, dem Käufer freundlich zu erklären, warum ein Rabatt in seinem Fall nicht möglich war, und hoffte dabei auf sein Verständnis.

Außerhalb des Verkaufstandes

Während meines Aufenthaltes auf der Messe nutzte ich auch die Chance, dem einen und anderen Verlag einen Besuch abzustatten und bekannten Gesichtern "Hallo" zusagen. Wenn es passte, zeigte ich noch meine Prototypen. Am Freitag, dem letzten Praktikumstag, wollte ich eigentlich abends noch zum alljährlichen Spieleabend gehen, welcher von Spiel des Jahres veranstaltet wird. Leider musste ich aufgrund des Lokführerstreiks kurzfristig absagen und früher als geplant meine Heimreise antreten. Andernfalls hätte ich wohl am Bahnhof übernachten müssen. Diese Planänderung war zwar sehr traurig für mich, aber leider unvermeidbar. 

Das erwartet euch als Stipendiat in der Spieleburg:

  • ein Spieleschlaraffenland
  • ein guter Einblick in den Einzelhandel
  • besseres Verständnis für die unterschiedlichen Käufergruppen und deren Kaufverhalten
  • Aufgaben, die einen fordern und bei denen das Brettspielwissen häufig zum Einsatz kommt
  • organisierte Spieleabende im Laden
  • tolle Zusammenarbeit mit dem Team

Mein persönliches Fazit zum Stipendium 

Vier Praktika, die unterschiedlicher nicht sein konnten, die mir aber trotzdem ein großes klares Bild der Welt der Brettspielbranche gegeben haben. All die vielen Eindrücke und Erlebnisse haben mich in meiner Kreativität und Entwicklung als Nachwuchsautor weit nach vorne gebracht. Vor allem schätze ich jedoch die tollen Menschen hinter den „Kulissen“. Der Austausch über das Thema Brettspiele war ein unbeschreiblich schönes Gefühl und hat mir außerordentlich viel Spaß bereitet. Es war wirklich ein einmaliges Erlebnis, welches mir als Highlight in meinem Leben in schönster Erinnerung bleiben wird.

Traurig darüber, dass jetzt nach einem Jahr alles schon vorbei ist, bin ich nicht. Denn für mich ist dies nur das Ende des ersten Abschnitts, der gleichzeitig ein neues Abenteuer eröffnet. In diesem einen Jahr habe ich einige neue wertvolle Erkenntnisse gewonnen, die mich noch weiter darin bestärkt haben, dass Gesellschaftsspiele eine der schönsten Unterhaltungsformen der Welt sind: "Brettspiele müssen nicht unbedingt gespielt werden, um Freude an ihnen zu haben. Es reicht schon, wenn man über sie redet."

Vielen herzlichen Dank an den Verein Spiel des Jahres, an die Verlage, Autoren und allen anderen großartigen Menschen für diese Chance!

Zu Bericht 1: Praktikum im SpieleErfinderStudio
Zu Bericht 2: Praktikum bei Hans im Glück
Zu Bericht 3: Praktikum bei Ravensburger