Spieleautoren-Stipendium 2013/14

Bericht Teil 3: Praktikum bei Ravensburger

Von Michael Luu

Vorwort

Die Geschichte des Ravensburger Spieleverlages beginnt im Jahr 1883. Nach seinem Gründer benannt, hieß er bis in den 50er Jahren Otto-Meyer Verlag. Der Verlag ist bis heute ein Familienbetrieb geblieben. Der Standort Ravensburg erfüllt heute mehrere Aufgaben: Er beherbergt zum einen die Zentrale und die komplette Verwaltung. Zum anderen ist dort das Warenlager, welches alle Produkte vorhält und diese international exportiert. Außerdem ist hier auch einer von zwei Ravensburger Produktionsstandorten. Der Konzern fertigt 90 Prozent seiner Produkte in eigenen Werken. Hierzu zählt hauptsächlich die Arbeit mit den Materialien Papier und Pappe, vom Druck, über das Stanzen, bis hin zur Verleimung und schließlich der Verpackung. Spritzgussarbeiten werden in Tschechien übernommen. Die restlichen 10 Prozent der Produktion übernehmen Partner in Fernost. Am Standort Ravensburg arbeiten insgesamt etwa 900 Menschen, weltweit hat der Konzern knapp 1.600 Mitarbeiter.
Der Ravensburger Spieleverlag hat sich auf verschiedene Themen der Spielewelt spezialisiert, für die es jeweils eine eigene Redaktion gibt:

  • Lernspiele
  • Ministeps (Spielzeuge und Bücher für Kinder bis 36 Monate)
  • Tiptoi (ein elektronischer Stift, der auf spezielle Bücher, Puzzles und Spiele angewendet werden kann, um unterschiedlichste Formen der Interaktion zu erzeugen)
  • Kinderspiele (bis 8 Jahre)
  • Gesellschaftsspiele (ab 8 Jahre)
  • Lizenzspiele (Umsetzung von Büchern und Filmen in ein Spiel)
  • Innovationsmanagment (u.a. Kombination von Brettspielen und Elektronik)

(Bild: Der Eingang in die Redaktionsräume des Verlages)

Der Weg der Spielideen

Jedes Jahr sitzen der Vorstand und die Geschäftsführung mit den jeweiligen Geschäftsführern der Tochtergesellschaften zusammen, um das abgelaufene Geschäftsjahr zu betrachten. Hier werden Business Reviews für jedes Marktsegment erstellt und daraus Strategien entwickelt, in denen festgelegt wird, wo Ravensburg in der Produktpolitik seine Schwerpunkte bzw. Suchfelder setzen möchte. So ergibt sich, dass beispielsweise für den deutschen Markt insgesamt 25 Neuheiten zu verschiedenen Spielegenres in Abhängigkeit von den vorhandenen Ressourcen, dem Budget und den kalkulierten Erfolgschancen für das nächste Kalenderjahr angedacht sind. Die definierten Suchfelder stellen dabei das Gerüst für die Programmarbeit dar.
Da dem Ravensburger Spieleverlag jährlich sehr viele Spielideen vorliegen (bis zu 500) und nur eine kleine Menge realisiert werden kann, durchlaufen alle Ideen einen strengen Selektionsprozess. 
Die weitere Entscheidungsfindung geschieht im Rahmen der Ravensburger Programmklausur. In dieser Programmklausur werden die am meisten favorisierten Spiele gezeigt. Diese werden zusammen mit dem internationalen Produktmanager für Spiel, Tiptoi und Ministeps, dem Redakteur aus der Abteilung International, und dem Geschäftsführer für den Bereich Programm und Marketing gespielt. Hier wird entschieden, ob die Spielidee in das neue Programm des Verlages aufgenommen wird. Ist dies der Fall, kommt es zum Vertragsabschluss mit dem Spieleautor.

Aufgaben des Redakteurs

Der Redakteur hat die wichtige Aufgabe, eine Spielidee in allen Phasen ihrer Umsetzung bis hin zu einem fertig produzierten Spiel zu führen, und muss sich darüber hinaus um eine angemessene Marketingstrategie kümmern, damit das Spiel am Ende den gewünschten Umsatz erreicht. Er initiiert Meetings mit anderen Teams, beispielsweise der Designentwicklung, dem Einkauf oder der Produktion, wo die nächsten Schritte der Umsetzung festgelegt werden. Er ist daher vergleichbar mit einem Projektleiter. Zu seinen Aufgaben gehören:

  • Marktbeobachtungen
  • Suche nach potentiellen und passenden Spielideen für die Programmklausur (beispielsweise durch den Besuch von Messen)
  • Auswahl des Themas bzw. „der Welt“ für das Spiel
  • Titelnamen des Spiels finden
  • Festlegung von Spielausstattung und –material sowie Optimierung der Kostenkalkulation
  • Definition und Entwicklung des Designs
  • Einbindung des Qualitätswesens (Gewährleistung der europäischen Sicherheitsnorm)
  • Spielanleitung und Verpackungstexte schreiben
  • Unterlagen für die Herstellung von Katalogen und Prospekten bereitstellen

Fünf Tage, fünf Highlights

Der erste Tag – Willkommen im Ravensburger Spieleverlag
Mein erster Praktikumstag begann damit, dass mich der Spieleredakteur Lothar Hemme an der Rezeption abholte. Ihn konnte ich bereits beim 32. Spieleautorentreffen in Göttingen kennen lernen. Er war es auch, mit dem ich gemeinsam den Praktikumstermin geplant habe und der mich bezüglich Anreise und Unterkunft viel unterstützt hat. 
Um 10 Uhr durfte ich bereits am ersten „Timeline-Meeting“ teilnehmen. Vertreten waren neben Lothar Hemme auch Kolleginnen und Kollegen von der Absatzplanung, Designentwicklung, Produktionsplanung, Einkauf, Druckervorstufe / Herstellung und der technischen Produktionsentwicklung. Jedes Spiel, welches Ravensburger veröffentlichen möchte, durchläuft diese Meetings, wo geklärt wird, was genau vom Spiel bis wann umgesetzt werden soll. Hier war ein Erscheinungstermin festgelegt, der eingehalten werden musste. Als Redakteur hat Lothar Hemme die verantwortungsvolle Aufgabe, das Spiel in seiner Entwicklungsphase voranzubringen und dafür zu sorgen, dass gesetzte Termine von allen Beteiligten eingehalten werden. 

Der zweite Tag – Führung durch die Druckerei und Produktionsstätte
Auf dem Unternehmensgelände hat Ravensburger seine eigenen Fertigungshallen. Pappelemente sämtlicher Produktlinien werden dort gefertigt. Es stehen große Druckmaschinen zur Verfügung, welche in hoher Geschwindigkeit Druckbögen für Spielpläne, Puzzlebilder und Schachteln ausdrucken. So ist es beispielsweise möglich, in einer Stunde 10.000 Bögen auszudrucken, was hier noch nicht einmal die Höchstauslastung darstellt. Die Druckaufträge kommen direkt von der Produktionsplanung und können somit schnell bearbeitet werden. 
Schachteln werden angefertigt, indem vollautomatisierte Stanzmaschinen Formen aus dem unbearbeiteten Graukarton herausstanzen und Faltmaschinen diesen dann in Form bringen. In diesem Schritt werden gleichzeitig die Druckbögen auf Deckel und Boden aufgebracht und verleimt. Es werden aber nicht nur Schachteln gestanzt, sondern auch Puzzles in allen Größen. Nachdem Mitarbeiter alle Teile eines Spiels oder die eingetüteten Puzzleteile am Förderband in den Schachtelboden gelegt haben, setzen Maschinen den Deckel auf den Boden, verschweißen die fertige Schachtel und stapeln sie auf Euro-Paletten. Danach kommen die Paletten ins Hochregellager, welches direkt an die Fertigungshalle angrenzt.
An diesem Tag hat mir Lothar Hemme sehr detailliert den Weg eines Spiels beim Ravensburger Spieleverlag von der Idee bis hin zum fertig produzierten Spiel erklärt. Vielen Dank noch mal hierfür!

Tag drei – Ein Treffen mit dem renommierten Autorenpaar Inka und Markus Brand
Am dritten Tag durfte ich dann gleich morgens am Jour Fix teilnehmen, wo sich einmal im Monat Redakteure aller Abteilungen (Familienspiel, Kinderspiel, Ministeps, etc.) treffen, um sich über Neuheiten, Strategien und Arbeitsprozesse auszutauschen. 
Mein persönliches Highlight an diesem Tag war sicherlich der Besuch von Inka und Markus Brand, die u.a. durch ihre sehr erfolgreichen Spiele „Der verzauberte Turm“ (Kinderspiel des Jahres 2013) und „Village“ (Kennerspiel des Jahres 2012) bekannt sind. Trotz ihres gefüllten Terminplans fanden sie Zeit, ihre Erfahrungen mit mir zu teilen. 
Einen ganzen Nachmittag durfte ich dann bei der Redakteurin Anne Lenzen in die Redaktion Kinderspiele hineinschnuppern. Sie hatte sich die Zeit genommen, mir ihre Aufgabenbereiche und Prototypen zu zeigen und mein Kinderspiel zu testen. Als Emely und Lukas, die beiden Schützlinge von Inka und Markus Brand, dazu kamen, konnten wir gleich zusammen mehrere Kinderspiele spielen und testen.

Tag vier – Besuch der Seesporthalle in Kressbronn, Ferienbetreuung / Tagesbetreuung
Gleich am Morgen durfte ich zusammen mit Lothar Hemme und Anne Lenzen zur Kindertagesbetreuung in der Seesporthalle in Kressbronn fahren, wo viele Kinder im Alter von 6 bis 12 Jahren sehnsüchtig auf uns, aber vor allem auf die Brettspiele warteten. Dies war ein spannender Moment für mich, denn Lothar Hemme schlug vor, zwei meiner Prototypen dort von den Kindern spielen zu lassen. Bisher hatte ich nicht die Möglichkeit gefunden, meine Spiele auch von Kindern testen zu lassen. Ich war sehr angespannt, da ich die Reaktionen der Kinder auf meine Spiele nicht einschätzen konnte. Umso glücklicher war ich, als beide Spiele gut angenommen wurden und ich die Begeisterung in den Kinderaugen sehen konnte. Dies hat mich noch einmal darin bestätigt, dass ich ein gutes Hobby gewählt habe, was mich erfüllt.

(Bild: Die Ferien- und Tagesbetreuuung der Seesporthalle in Kressbronn)

Tag fünf – Das Ravensburger Spielearchiv
Der Ravensburger Spieleverlag verfügt über ein eigenes Spielearchiv. Dort sind alle Brettspiele und Bücher seit der Firmengründung gut sortiert und aufbewahrt. Von seiner Funktion her versteht sich das Archiv als eine große Brettspielbibliothek. Mitarbeiter von Ravensburg haben jederzeit die Möglichkeit, über den Archivar Brettspiele auszuleihen, um sich bestimmte Thematiken, Materialen, Illustrationen und andere Informationen einzuholen, die ihnen bei ihrer Arbeit nützlich sind.

 

 

 

 

 

 

(Bild: Ein gemeinsames Abschiedsfoto: Vielen Dank für die tolle Woche!)

Darauf darf sich der / die Stipendiat /-in freuen:

  • Interessante Meetings, die einen guten Einblick in die Planungen und Strategien des Verlages geben
  • Teilnahme an Testspielrunden von verschiedenen Spielen in unterschiedlichen Entwicklungsstadien, mit anschließender gemeinsamer Auswertung
  • Brainstorming-Sitzungen zu Brettspielen, in denen Ideen und Vorschläge des Praktikanten sehr erwünscht sind
  • Prüfung von Spielanleitungen und Druckvorlagen, die einem helfen zu verstehen, worauf unbedingt geachtet werden muss
  • Viele tolle Ausflüge beispielsweise in Kindertagesstätten, ins Spielearchiv, in die Produktionsstätte, ins Remi (Mitarbeitershop) etc.
  • Gemeinsame Spieletestrunden der eigenen mitgebrachten Spiele und anschließendes Feedback
  • Mit etwas Glück auch Treffen mit Stars und Prominenten
  • Eine komplett durchgeplante Praktikumswoche
  • Supernette Ravensburger Redakteure und Kollegen, die bereitwillig so viel wie möglich erklären und zeigen

Zu Bericht 1: Praktikum im SpieleErfinderStudio
Zu Bericht 2: Praktikum bei Hans im Glück
Zu Bericht 4: Praktikum in der Spieleburg