Spieleautoren-Stipendium 2013/14

Bericht Teil 2: Praktikum bei Hans im Glück

Von Michael Luu

Hans im Glück ist ein Münchner Verlag, der auf eine stolze Geschichte zurückblicken kann. Mit dem Verlagschef Bernd Brunnhofer, der 1983 zusammen mit dem heutigen Spieleautor Karl-Heinz Schmiel den Verlag gründete, gelang es Hans im Glück als erster Kleinverlag, die bedeutende Spieleauszeichnung „Spiel des Jahres“ zu erhalten (im Jahr 1989 mit dem Spiel „Drunter & Drüber“ von Klaus Teuber). Doch dabei blieb es nicht. Im Anschluss folgten noch „Manhattan“ (1994), „El Grande“ (1996), „Carcassonne“ (2001), „Thurn und Taxis“ (2006) und „Dominion“ (2009); dies sind nur einige Spiele, die zu den größten Erfolgen des Verlages zählen.  

Das Praktikum beginnt

Am ersten Tag erzählte mir Dirk Geilenkeuser vieles über die Verlagsgeschichte. Ich erfuhr, dass die Hans im Glück-Spiele im Vertrieb der Firma Schmidt Spiele sind. Daher findet sich auf den Spieleschachteln neben dem Hans im Glück-Logo auch immer das Schmidt Spiele-Logo. Ich fand, dass dies eine sehr interessante Geschäftsbeziehung ist, die mir bisher nicht bewusst war. Außerdem erklärte mir Dirk, dass Schmidt Spiele seit 1997 zur Good Time Holding (ehemals Blatz-Gruppe) gehört, einer Berliner Firma, welche bekannt ist durch Marken wie z.B. Benjamin Blümchen oder Bibi Blocksberg. Dann zeigte er mir die Lagerräume des Verlages. Dort waren alle preisgekrönten Brettspiele, Spiele der letzten Jahre, alte Klassiker, und viele Merchandise-Artikel, die über den Online-Shop angeboten werden. Während der kleinen Führung lernte ich dann auch gleich die Bedeutung des Online-Shops kennen. Der Online-Shop bietet (Stand heute) nicht so viele Brettspiele an, wie man zunächst vermuten würde. Tatsächlich wurden zu Anfangszeiten sogar ausschließlich „Fanartikel“ und Spielersatzteile vertrieben. Besonders stark vertreten sind hier unterschiedlichste Artikel rund um die Carcassonne-Welt: Becher, Sticker, Magnete, Tassen, Schlüsselanhänger und Tassenuntersetzer sind nur einige Beispiele. Worüber sich Fans im Shop noch freuen können, sind kleine Spielerweiterungen des erfolgreichen Legespiels. Dieses übersichtliche Produktangebot ist gewollt, da Hans im Glück nicht das Ziel verfolgt, wie andere Versandhäuser in Produktmassen aufzutreten und damit in eine Preisschlacht zu gehen. Der Verlag möchte allen Interessierten, die bereits begeistert Brettspiele des Verlages spielen, noch einige weitere „Goodies“ aus dem Hause Hans im Glück anbieten, die es nur dort gibt.

(Bild: Der große Redaktionsraum von Hans im Glück)

Die Hans im Glück-Welt

Bei Hans im Glück sind die Aufgaben klar verteilt: Die einen kümmern sich um den Internetauftritt, die Bestellungen aus dem Online-Shop, Verbraucherfragen zu gekauften Spielen und Anfragen von Spieleautoren. Die anderen beschäftigen sich mit redaktionellen Tätigkeiten, Terminen, Testrunden.
Bereits hier lernte ich so manche Herausforderungen kennen, mit denen sich der Verlag auseinandersetzen muss. So kann es manchmal sein, dass der Verlag von Spielern die Nachricht erhält, dass ein gerade neu gekauftes Spiel nicht vollständig oder das Spielmaterial beschädigt ist. Ein Hinweis, der ernst genommen werden muss, denn dieses Problem kann möglicherweise während der Produktion entstanden sein und sich somit in einer ganzen Auflage wiederholt haben. Da Hans im Glück sehr großen Wert auf die Kundenbetreuung und die damit eingehende Kundenzufriedenheit legt, sorgt der Verlag dafür, dass betroffene Spieler schnell Ersatz erhalten. In einem anderen aktuellen Fall berichtete mir Dirk, dass bei Beendigung von Partnerschaftsbeziehungen auch Lizenzrechte verloren gehen können. Dies hätte dann die Konsequenz, dass bestimmte Brettspiele plötzlich nicht mehr vom Verlag produziert und verkauft werden dürfen.
Georg Wild, ein weiterer Mitarbeiter bei Hans im Glück, zeigte mir die 3D-Druckmaschine des Verlages. Dieses Gerät wurde angeschafft um, schnell Figuren sowie kleine Brettspielelemente genau nach den Vorstellungen des Verlages herzustellen. Vorher geschah dies nur über Skizzen, was oft ein langwieriger Prozess war. Es dauerte, bis der Hersteller einen Prototyp erstellt hatte, und meistens folgten danach noch Korrektur- und Verbesserungsarbeiten. Mit einer fertigen Rohversion weiß der Hersteller sofort, wie das Produkt am Ende aussehen wird.
Wie für viele Verlage ist auch für Hans im Glück die Ludo Fact GmbH der wichtigste Produktionspartner für Brettspiele. Sämtliche Produktionsschritte bis hin zur Konfektion, Verpackung und Versand werden vom Partner übernommen. Hans im Glück stellt die Illustrationsvorlagen zur Verfügung und alle Teile des Brettspiels, welche vom Partner selbst nicht beschafft werden können.
Da die Nürnberger Spielemesse vor der Tür stand, gab es noch einige Vorbereitungen zu erledigen. So half ich beispielsweise beim Erstellen von Spielkarten für eine neue Spielerweiterung, die auf der Messe vorgestellt werden sollte.
Am ersten Tag wurde sogar ein Prototyp von mir getestet! Die Rückmeldung, die ich dabei bekam, war sehr wertvoll für mich, denn ich konnte die Sichtweise des Verlages kennen lernen. Es werden hierbei nicht nur Spielregel, Spielmechanismus und Spielspaß durchleuchtet, sondern auch kommerzielle Kriterien. All diese Punkte entscheiden am Ende dann darüber, ob eine Spielidee das Potential hat, verlegt zu werden. Um also zu verstehen, warum ein Verlag eine Spielidee ablehnt, reicht es nicht aus, sich ausschließlich auf die Schwächen des Spiels zu konzentrieren, sondern es ist auch nötig, wirtschaftliche Aspekte zu berücksichtigen. Hierzu gehört beispielsweise die Frage, welche Zielgruppe das Spiel eigentlich ansprechen soll. 
Im Anschluss folgten noch zwei weitere Testrunden mit Prototypen von anderen Spielautoren. Auch hier war es für mich sehr aufschlussreich zu hören, welche Eigenschaften der Prototypen beim Verlag gut ankommen und welche eher weniger.

Spiele auf dem Prüfstand

Am zweiten Praktikumstag bekamen wir Besuch von der Spielkartenfabrik ASS Altenburg GmbH, ein weiterer sehr wichtiger Partner für viele Spieleverlage. ASS Altenburg gehört heute zum weltweit größten Spielkartenkonzern Cartamundi mit Hauptsitz in Belgien. Der Vertreter kam mit einer Lösung zu einem Problem, welches Hans im Glück mit einem Spiel hatte. Die Sicherheitsnormen für Brettspielkleinteile aus Glas haben sich verschärft, und so musste eine Alternative her, welche die bereits zuvor geplanten Glassteine ersetzen kann. Der Vertreter brachte Steine aus Kunststoff mit, die eine ähnliche Form hatten, wie die ursprünglich gedachten Steine, die aber zudem auch hochwertig verarbeitet waren. Außerdem erfüllen diese Kunststoffsteine die Sicherheitsnormen der Dekra und des TÜV.

(Bild: „Carcassonne" für die internationalen Märkte)

Anderes Land, anderes Design

Dirk zeigte mir verschiedene Carcassonne-Spiele, die sich in ihrem Verpackungsdesign manchmal leicht und manchmal auch sehr deutlich unterschieden. Es handelte sich hier um verschiedene Versionen für den ausländischen Markt, z.B. für die USA, Brasilien, Ungarn, Tschechien, Italien, Spanien, Portugal, Griechenland, Schweden, Finnland, Norwegen, Dänemark, Österreich, Niederlande, Frankreich, Korea, China und andere. Teilweise wurde sogar der Spielname abgeändert. In Brasilien ist das Spiel unter dem Namen „Domínio de Carcassone“ bekannt. Die chinesischen Käufer finden auf der Verpackung Schriftzeichen, die „Ka-Ka-Cheng“ gesprochen werden, was eine phonetische und sinngemäße Übersetzung des Spielnamens ist.
Auch in der Brettspielbranche spielt das „Verpackungsmarketing“ eine wichtige Rolle, um die Absatzchancen in dem jeweiligen Land zu erhöhen. Dazu ist es nötig die jeweiligen Kulturunterschiede und die Vorlieben der Verbraucher in diesem Land gut zu kennen. Diese Aspekte gilt es während der Illustration eines Brettspiels zu berücksichtigen. 

Eingeschickte Spielideen 

Michael Fronia, der für den Erstkontakt mit den Spielautoren zuständig ist, gab mir zwei Regelanleitungen mit der Bitte, sie durchzulesen, das Spielprinzip zu verstehen und ihm dann anschließend Rückmeldung zu geben. Die beiden Anleitungen sind nur zwei von vielen, die bei Hans im Glück täglich eingehen und auf ihre Bewertung warten. Nachdem ich mit dem Lesen fertig war, haben wir unsere Gedanken ausgetauscht. Michael hat einige Notizen gemacht und dann als Fazit festgestellt, dass beide Spielideen mit folgender Begründung eher uninteressant für den Verlag sind: Bei dem einen Spiel schlüpfen die Spieler in verschiedene Rollen, wovon eine Rolle eine eher zuschauende Funktion mit wenigen Aktionen hat. Daher ist die Befürchtung, dass diese Rolle keinen langen Spielspaß bietet. Bei der anderen Anleitung handelt es sich um ein Taktikspiel, bei dem die Regeln so ausgelegt sind, dass alle Spieler in jeder Partie immer wieder dieselbe taktische Vorgehensweise haben könnten, da diese die einzige sinnvolle Taktik ist. 
Michael versteht es, Spiele und Spielregeln sehr schnell in einzelne Bestandteile zu zerlegen, diese zu analysieren und dann schließlich zu einem zuverlässigen Urteil zu kommen, ohne das Spiel vorher gespielt zu haben. Diese Stärke von ihm habe ich bereits festgestellt, als er mir das Feedback zu meinem Spiel gegeben hat. 

Auf zur Spielwarenmesse!

Das war eine tolle Idee von Dirk. Er hatte vorgeschlagen, das Praktikum mit der Spielwarenmesse in Nürnberg zu kombinieren. Und so ging es dann am Dienstag mit dem Auto nach Nürnberg. Bis zur Eröffnung am ersten Messetag musste der Stand noch hergerichtet werden. Es galt, Banner der Neuheiten aufzuhängen, Tische und Stühle aufzustellen und die Spiele bereitzustellen. Der Hans im Glück-Stand grenzte direkt an den Stand des Vertriebspartners Schmidt Spiele. Die Nürnberger Spielwarenmesse ist für den Verlag vor allem dazu da, Kunden, die Presse, verschiedene Organisationen und andere mit Informationen zu Neuheiten und Regelwerken zu versorgen. Außerdem werden bestehende Kontakte gepflegt, sowie Neuigkeiten ausgetauscht. Die Aufgabe des Vertriebes wird komplett von Schmidt Spiele übernommen.

(Bild: Hans im Glück auf der Spielwarenmesse 2014 in Nürnberg)

An jedem Abend gibt es verschiedene Treffen und Veranstaltungen in unterschiedlichen Gastronomien. Am ersten Abend war ich zusammen mit Hans im Glück im Restaurant „Kartoffel“, wo sich Redakteure unterschiedlichster Verlage getroffen haben. Am Abend danach fand traditionell eine große Veranstaltung vieler Akteure der Brettspielbranche in den Gasträumen der Lederer Brauerei statt. Seit fünf Jahren nun wird zu dieser von Schmidt Spiele und von Hans im Glück eingeladen. Dieses Jahr war ein es Jubiläumsevent, wo zeitgleich das 100-jährige Bestehen des Brettspielklassikers „Mensch, ärgere dich nicht“ vom Schmidt Verlag und das 30-jährige Bestehen des Hans im Glück-Verlags gefeiert wurden. Für beide großen Anlässe wurden, den Mottos entsprechend, jeweils zwei große Kuchenplatten organisiert. Es wurde viel gegessen, viel diskutiert und viele Spieleneuheiten beider Verlage gespielt.

Wissenswertes über Hans im Glück für Spieleautoren 

Ein Spieleautor, der überlegt, bei Hans im Glück einen seiner Spielideen unterzubringen, sollte einige Dinge beherzigen:

  • Ein häufiger Punkt, der nicht genug berücksichtigt wird, ist, ein Regelwerk einzuschicken, das verständlich geschrieben ist. Denn das Regelwerk ist der erste Eindruck, den der Verlag über das Spiel bekommt, und der sollte idealerweise sehr gut ausfallen.
  • Wird dem Verlag der Prototyp zugeschickt, muss das Spiel vollständig sein. Fehlen Elemente wirkt sich dies negativ auf die Spielbarkeit aus oder macht sogar das Spielen unmöglich. Die Gestaltung des Prototyps ist dabei nur zweitrangig und muss nicht professionell ausgearbeitet sein. Aber auch hier gilt: Das Spiel muss so gestaltet sein, dass es spielbar ist.
  • Ein wichtiger Punkt, der berücksichtigt werden muss, ist ein „Fair play“ untereinander. Sollten andere Verlage auch bereits über den Prototypen verfügen, sollte dies kommuniziert werden. Ansonsten besteht die Gefahr, dass ein Verlag vergeblich viel Zeit und Arbeit in eine Spielidee steckt, die dann woanders veröffentlicht wird.
  • Es fällt nicht immer leicht, aber der Spieleautor muss dem Verlag ausreichend Zeit geben, den Prototypen zu testen. Es gibt viele verschiedene Gründe, die dazu führen, dass die Rückmeldung des Verlages an den Autor verzögert ankommt, beispielsweise parallel laufende Projekte, Messevorbereitungen, viele Zusendungen etc.
  • Ein Spieleautor, der einer intensiven und konstruktiven Zusammenarbeit gegenüber offen ist, ist immer gern gesehen. Dabei sollte er gegenüber Ideen und Änderungsvorschlägen des Verlages aufgeschlossen sein. 

Dafür stehen Hans im Glück-Spiele

Was passt mehr und was passt weniger ins Programm? Hans im Glück-Spiele sind dafür bekannt, dass sie sowohl Gelegenheitsspieler als auch Vielspieler ansprechen. Die Spieler können sich darauf verlassen, dass sie in den Spielen immer ein Mindestmaß an intellektueller Herausforderung finden. Auf ein bestimmtes Genre hat sich der Verlag nicht festgelegt. Generell kommt alles in Frage. Mittlerweile findet man im Programm Familienspiele, Erwachsenenspiele, Strategiespiele, Legespiele, reine Kartenspiele, und anderes. Nur reine Kinderspiele gehören nicht zum Schwerpunkt des Verlages. Bei den geschickten Spielideen achtet Hans im Glück darauf, dass die Spiele auf Dauer Spaß machen und keine gesellschaftskritischen Themen beinhalten. Häufige Probleme, die festgestellt werden, sind:

  • Das Spiel passt nicht ins Programm
  • Das Spiel dauert lange, bietet aber nur einen kurzen Spielspaß
  • Die Strategien des Spiels sind oft sehr schnell ausgereizt.
  • Es gibt viele Regeln für verschiedene Strategiemöglichkeiten, wovon viele nicht siegentscheidend sind

„Happy birthday, Hans im Glück!"

Darauf dürft ihr als Praktikant bei Hans im Glück euch freuen!

  • Ihr erfahrt viel Wissenswertes über den Verlag
  • Ihr bekommt einen tiefen Einblick in die Verlagstätigkeiten
  • Ihr könnt Prototypen und fertige Spiele testen
  • Eure Spiele werden getestet und bewertet
  • Ihr lernt sehr viele tolle Menschen kennen
  • Mit etwas Glück seid ihr bei Spieleabenden und kommenden Spieleevents dabei
  • Aber das wichtigste überhaupt: Ihr seid bei Hans im Glück, dem Erfinder der Meeple! Und das ist doch bereits supertoll! ;-)

Zu Bericht 1: Praktikum im SpieleErfinderStudio
Zu Bericht 3: Praktikum bei Ravensburger
Zu Bericht 4: Praktikum in der Spieleburg