Spieleautoren-Stipendium 2013/14

Bericht Teil 1: Praktikum im SpieleErfinderStudio

Von Michael Luu

„Sieh mal! Was ist denn das? Ich glaub, ich sehe im Schaufenster Spiele. Bestimmt ist das ein Laden, wo man Brettspiele kaufen kann. Die Tür steht offen. Ich sehe jemanden, der mit verschiedenen Werkzeugen an etwas arbeitet. Aber was macht er denn da? Oh schau, er bastelt ja etwas. Weißt du was, ich glaube er macht gerade ein Spiel! Er macht gerade ein Spiel? Dann ist er ein Spieleerfinder! Komm, lass uns das mal aus der Nähe anschauen. Das müssen wir uns genauer ansehen.“

(Bild: Das SpieleErfinderStudio von Jens-Peter Schliemann)

Wer kennt den Beruf des Spieleautors? Wie entstehen seine Spiele? Wie tüftelt er? Wie macht er seine Prototypen? Die meisten Leute werden dies wohl nur vermuten können. Verständlich. Denn der Spieleautor selbst ist in der Öffentlichkeit nicht zu finden. Sein Arbeitsplatz sind in den meisten Fällen seine eigenen vier Wände. Das Einzige, was man von ihm sehen wird, sind die fertigen Spiele, die später im Handel erhältlich sind. 
Doch in Köln gibt es einen Autor, der alle Menschen in seine Welt einlädt. Er hat ein eigenes Studio, seinen Arbeitsort, in dem man ihn beim Entwickeln seiner neuen Spieleideen besuchen kann. 

Das SpieleErfinderStudio von Jens-Peter Schliemann

Jens-Peter Schliemann ist ein offenherziger Spieleautor, der mit seinem ausgefallenen Ladenkonzept alle interessierten Besucher herzlich einlädt, in sein SpieleErfinderStudio in Köln zu kommen, um ihm, der sich bereits als erfahrener Autor in der Branche etabliert hat, bei der Arbeit LIVE zu zuschauen. Auf diese Weise ergeben sich immer wieder interessante Gespräche mit neugierigen Passanten, anderen Autoren oder sogar mit Spieleverlagen. 
Darüber hinaus ermöglicht Jens-Peter Nachwuchsautoren seit fast einer Dekade Einblicke in seine Projekte, erzählt von seinen Erfahrungen und gibt wertvolle Tipps. Dabei ist es toll zu erleben, wie er als allererster Stipendiat (im Jahr 1995), nun andere Stipendiaten unterstützen möchte, den Beruf und die Herausforderungen des Spieleautors besser zu meistern. 

Spieleautor-Kooperationen

Jens-Peter ist ein Spieleautor, der es bevorzugt, mit anderen Spieleautoren gemeinsam Spiele zu entwickeln. Der Grund hierfür ist der intensive Austausch von Ideen und Meinungen, die dann am Ende zu einem Brettspiel vereint werden. Man ist gemeinsam kreativ, kann sich gegenseitig unterstützen und vorantreiben, und jeder bringt eigene Fähigkeiten mit, die für den anderen nützlich sind. Jens-Peter ist ein qualifizierter Mathematiker und kann dadurch gut analytisch denken. Betrachtet man seine Ludografie, sind fantastische Kooperationsarbeiten entstanden: „Piranha Pedro“ (2005) mit Team Annaberg, „Nacht der Magier“ (2006) mit Kirsten Becker, „Burg Appenzell“ (2007) mit Bernhard Weber und viele weitere.

Die Praktikumswoche

In den fünf Tagen durfte ich tief in die Welt von Jens-Peter hineinblicken. Viele verschiedene Spiele in unterschiedlichen Entwicklungsstadien testeten, analysierten, kritisierten und verbesserten wir. Das war klasse, denn ich hätte nicht gedacht, dass ich so intensiv in seine aktuellen Spieleprojekte involviert werde. 
Der erste Prototyp, den ich kennen lernte, war ein Kinderspiel, welches in Zusammenarbeit mit dem Autor Guido Hoffmann entstanden ist. Es entsprach bereits den Vorstellungen der beiden Autoren und stand kurz davor, an einen Verlag verschickt zu werden. Ich durfte bei einem abschließenden Test das Spiel, bei dem ein ganz besonderes Sinnesorgan der jungen Spieler beansprucht wird, auf mich wirken lassen.
Jens-Peter zeigte mir auch eine seiner derzeitigen Auftragsarbeiten. Eine Firma der Windkraftindustrie hatte ein individuelles Spiel für ihre Mitarbeiter gewünscht. Diese Form der gelenkten Spieleentwicklung war sehr interessant, denn zuvor hatte ich nur Spiele nach meinen eigenen Interessen entwickelt. Jetzt aber auf die Anforderungen und Wünsche eines Kunden einzugehen und ein Spiel zu kreieren, welches am Ende hauptsächlich ihm gefallen muss, aber nicht unbedingt dem Autoren selbst, sah ich als schwierige Herausforderung. Jens-Peter zeigte mir seine ersten Ideen, die wir dann auch gleich spielten. Ich empfand sie als eine sehr viel versprechende und gute Basis, auf der man weiter aufbauen kann. Es hat mir viel Spaß gemacht, ihn bei weiteren Ideenfindungen zu unterstützen.
An einem Tag bekam ich die Chance, Ulrich Blum, Stipendiat des Jahres 2009, kennen zu lernen. Er kam gerade von einem Treffen zwischen Autoren und Verlagen auf Mallorca zurück. Er und Jens-Peter befinden sich aktuell in ihrer ersten Kooperation für ein gemeinsames Brettspiel, welches ich testen durfte. Hier habe ich gelernt, dass es ebenfalls zu den Aufgaben eines Spieleautors gehört, sich Lektüren vorab intensiv durchzulesen und sich neues Wissen anzueignen, wenn das Spiel eine Thematik haben soll, mit der man selbst nicht vertraut genug ist.
Einer der witzigsten und eindrucksvollsten Prototypen war ein Kinderspiel von Jens-Peter, welchen er auf seinem ersten Spieleautorentreffen in Göttingen präsentiert hatte. Der Eyecatcher war hier eine große Tierfigur aus Holz, Schrauben, Gummischläuchen und Magneten. Die Aufgabe bestand darin, gemeinsam zu überlegen, wie man diese Figur einfacher darstellen könnte, ohne dabei die Funktionalität zu reduzieren.
Eines Morgens nach unserem gemeinsamen Frühstück, berichtete mir Jens-Peter, dass er eine neue Spielidee habe und er mit mir den Prototypen ausprobieren wolle. Im weiteren Gespräch kam heraus, dass er den Anreiz dazu erst am selben Tag um 8 Uhr früh gefunden hatte. Wir hatten uns um 10 Uhr getroffen. Mich hat beeindruckt, dass er so spontan innerhalb von zwei Stunden eine Spielidee in einen spielbaren Prototyp umsetzen konnte. Noch mehr hat mich aber beeindruckt, dass der Prototyp trotz der sehr kurzen Entwicklungszeit keinerlei schwerwiegende „Bugs“ hatte. Sein Spiel war nicht nur sehr gut spielbar, sondern hat auch Spaß gemacht. Dies kann aus meiner Sicht wirklich nur einem erfahrenen Spieleautoren gelingen, der bereits genau weiß, welche Regeln und Elemente ein Spiel grundsätzlich haben muss. 
In der ganzen Praktikumswoche war für mich sicherlich der Freitag der schönste Tag, da wir von Martin Gil-Wünschmann, Stipendiat des Vorjahres, Besuch bekamen. Auf dem Tagesprogamm stand: das Testen von Prototypen! Wir haben uns gegenseitig unsere Spiele gezeigt, gespielt und kommentiert. Die Stimmung war super! Wir spielten ein Spiel nach dem anderen und wollten uns einfach nicht verabschieden. Doch alles hat leider irgendwann ein Ende. Bei uns war dies am Samstag um 4 Uhr morgens. Jens-Peter und Martin haben mich noch bis zur Bahn begleitet und dann verabschiedet. Dies war ein trauriger, aber auch ein schöner Moment, an den ich mich immer wieder gerne zurückerinnere. 
Für mich war es eine komplett neue Erfahrung, denn bisher hatte ich mich immer nur alleine mit dem Erfinden von Spielen beschäftigt. Ein Brainstorming mit Gleichgesinnten – solch eine Möglichkeit ergab sich mir bisher nicht. Das Feedback, ob meine Ideen gut waren oder nicht, bekam ich erst, wenn ich einen spielbaren Prototyp angefertigt und ihn mit Freunden und Bekannten getestet hatte. Mit Jens-Peter hatte ich tiefgehende Gespräche, die sich allein um das Thema „Brettspiele“ drehten. Eine tolle Erfahrung.

(Bild: Im Studio kann man viele fertige Spiele von Jens-Peter Schliemann bewundern)

Dynamik und Dramaturgie

Die meisten Spiele haben eine Geschichte, die an einen Mechanismus geknüpft ist, oder einen Mechanismus, der an eine Geschichte geknüpft ist. Eine gute Geschichte und ein guter Mechanismus müssen aus der Sicht vieler Spieleautoren am Ende auch ein gutes Spiel ergeben. Dies ist grundsätzlich richtig. Allerdings kann es passieren, dass am Ende ein Spiel entsteht, welches eine gute Harmonie zwischen Geschichte und Mechanismus aufweist, aber im Vergleich zu einem anderen Spiel mit derselben Harmonie trotzdem nur die Bewertung „nett“ erreicht, während das Vergleichsspiel mit einem „Wow“-Effekt hervorsticht. – Wie kann das sein? Dass ein Spiel generell einen Mechanismus und ein Thema haben sollte, ist für die meisten selbstverständlich. Wie viele wissen aber genau, warum ein Spiel diese beiden Elemente haben sollte? Was ist der Sinn? Was soll konkret erreicht werden? Die Antwort ist, dass der Spielmechanismus für die Spieldynamik verantwortlich ist und diese in einem Spiel entfaltet. Das Spielthema wiederum ist für die Dramaturgie verantwortlich. Es ist also sehr wichtig für den Spieleautor zu verstehen, welche Dynamik und Dramaturgie er durch Thema und Spiel erzielt, und zu überlegen, ob dies gewünscht ist.

Darauf dürft ihr euch freuen!

Das Praktikum im SpieleErfinderStudio muss man sich wie ein ganz großes Geschenk vorstellen, ungefähr 1,5 mal 1,5 Meter groß und randvoll gepackt. Dieses gigantische Geschenk überreicht Jens-Peter jedem Stipendiaten bereitwillig, denn die große Motivation, die er hat, ist das Geben. Er möchte, dass der Nachwuchs lernt, versteht und sich verbessert. Auf Themen, die man selbst auf dem Herzen hat, geht er interessiert ein. Diese einmalige Chance, die er damit Autoren gibt, ist einfach großartig! Darauf darf sich der Praktikant freuen:

  • Eure Spiele werden getestet und bewertet.
  • Prototypen von Jens-Peter können getestet werden. Euer Feedback ist dabei sehr willkommen.
  • Ihr lernt sehr viele tolle Menschen kennen.
  • Es wird gemeinsam gefrühstückt.

Zu Bericht 2: Verlag Hans im Glück
Zu Bericht 3: Verlag Ravensburger
Zu Bericht 4: Spieleburg