Hase und Igel: Wahl – Jahr

1978 wurde der Verein Spiel des Jahres gegründet. Einen offiziellen Preisträger gab es in diesem Jahr aus Zeitgründen noch nicht. Gründungsmitglied Jürgen Herz, eine treibende Kraft für die Etablierung des Vereins, erinnert sich, dass 1978 schon einmal „zur Probe“ abgestimmt wurde, es aber noch keine offizielle Preisverleihung gab. Gewählt wurde 1978 das Spiel HASE UND IGEL.

Als es dann im darauf folgenden Jahr ernst wurde, errang HASE UND IGEL auch offiziell als erster Preisträger den Titel „Spiel des Jahres“. Bei der Preisverleihung in der Volkshochschule Essen am 6. September 1979, nahm Erwin Glonnegger, langjähriger Manager im Hause Ravensburger, zusammen mit dem Autor den Preis aus der Hand der damaligen Bundesministerin für Jugend, Familie und Gesundheit, Antje Huber, entgegen. Jürgen Herz hatte seine Kontakte in der Stadt Essen aktiviert und es gelang ihm, außer der Volkshochschule Essen als Veranstaltungsort, auch Frau Huber als erste Schirmherrin für die Preisverleihung zu gewinnen. Den gar nicht so feierlichen Rahmen bildete ein Spieleabend für Familien.

Autor dieses ersten Spielepreises des deutschsprachigen Raumes war ein Engländer – David Parlett.  Erwin Glonnegger erinnert sich heute noch:“England war in der Nachkriegszeit jahrelang ein besonders interessanter Markt für Spiele. Das weltoffene Großbritannien bot mehr Informationen, als das lange abgeschottete Deutschland. Die Zeitschrift „Games und Puzzles“ oder Spezialgeschäfte wie „Just Games“ sind Belege dafür. In den 70er Jahren war u.a. die Rede von einem Weltraumspiel, bei dem man mit Hilfe von Raketentreibstoff bestimmte Planeten erreichen sollte. Das Spiel, das einen neuartigen Mechanismus aufwies, war jedoch zunächst kein Erfolg. Darauf kleidete der Autor die Spielidee als HARE & TORTOISE mit einer alten Tierfabel ein. Das funktionierte."

Soweit David Parlett sich erinnert, bot Intellect Games UK die Rechte in Ravensburg an. Intellect Games war die Firma, die HARE & TORTOISE 1974 in England veröffentlicht hatte. Die Korrespondenz während der Spielentwicklung erledigte Parletts damaliger Agent Graeme Levin. Mangels Fax oder gar Internet wurde per Briefpost kommuniziert, ganz selten per Telefon, weil Auslandsgespräche damals sehr teuer waren. Persönliche Gespräche gab es auch – auf der Spielwarenmesse in Nürnberg.

Ravensburger hat seine Wurzeln in einem Buchverlag, der 1883 entstand. Als einziger Spiele-Hersteller in Deutschland verstand sich Ravensburger von Anfang an nicht als Fabrik, sondern als Verlag. Deshalb erhielten die Medien nicht nur von neuen Büchern, sondern auch von neuen Spielen Rezensionsexemplare. Der Aufbau von Lektoraten und später von Redaktionen im Spielebereich nach dem Vorbild des Buchverlages war weltweit neu. So entwickelten sich die Kontakte zu Journalisten, besonders auf Messen. Dank dieser Rahmenbedingungen rückte das Spiel aus seiner bescheidenen Ecke immer mehr in den Vordergrund. Der Gedanke, dass es einen Kulturpreis für Spiele geben könnte, fiel daher im Verlag auf fruchtbaren Boden. Um so mehr freute man sich, dass der erste Preisträger aus dem eigenen Hause kam.

Die 1979 ausgezeichneten Spiele spiegeln die damalige Situation wieder. Nicht nur der Hauptpreisträger kam aus England, kein einziges Spiel auf der damals so genannten „Ehrenliste“ hatte einen deutschen Autor. Fast alle Ideen fanden ihren Ursprung im angelsächsischen Raum. Es sollte noch bis 1986 dauern, dass das Werk eines einzelnen deutschen Autors zum „Spiel des Jahres“ gewählt wurde (HEIMLICH & CO. von Wolfgang Kramer).

(Bild: Spieleabend bei der Preisverleihung 1979 (Bild: Ravensburger) )

Im ersten Jahr hatte „Spiel des Jahres“ noch ein etwas anderes Logo. Die Spiele auf der „Ehrenliste“ waren nach ihrer Rangfolge bei der Wahl platziert:

Hase und Igel von David Parlett (Ravensburger) TWIXT von Alex Randolph (Schmidt) ALASKA von Eric Solomon (Ravensburger) ACQUIRE von Sid Sackson (Schmidt) SENSO (MB) BLOCKADE von Sid Sackson (Bütehorn) MERLIN von Robert Doyle (Parker) SHOGUN von Teruo Matsomuto (Ravensburger) CHESS CHALLENGER VOICE (Consumenta) TOUCHÉ (Parker) „Sonderpreis für das schönste Spiel“: SETI (Bütehorn)

Abgestimmt wurde damals per Post oder Telegramm.

Dorothee Heß (Januar 2008)