Um Reifenbreite

„Aha“, denkt man, wenn man die Schachtel sieht, „wieder mal so eine Sportsimulation. Ein Radrennspiel im Sandkasten.“ Das stimmt und es stimmt auch wiederum nicht. UM REIFENBREITE ist ein richtiges Radrennen, doch es geht dabei um viel mehr als Geschwindigkeit. Das Ziel ist es nämlich, als Teamchef ein komplettes Viererteam erfolgreich über die Runden zu bringen. Und dafür gibt es Punkte.

UM REIFENBREITE ist ein seltsames Spiel. Man beginnt mit einem schlichten Grundspiel, das weniger komplex angelegt ist als die Profiversionen, aber doch schon vielfältig und spannend ist. Als Spielfiguren dienen Pappscheiben mit aufgedruckten knollennasigen Pedalmatadoren, die sich durch Nummern unterscheiden. Sie stehen auf farbigen Plastikständern. Jeder Teamchef setzt einen seiner Renn-Radler kurz hinter der Startlinie auf. Am besten ganz weit rechts außen, denn es gilt immer die Regel: Von zwei Konkurrenten auf gleicher Höhe zieht immer der zuerst, der am weitesten rechts steht. So bewegt man sich also aus Gründen der Taktik weit weg von der vermeintlichen Ideallinie. Reihum stellt jeder seine Renner auf einen freien Platz und entscheidet schon damit über den Erfolg der ersten Züge. Dann senkt sich die Startflagge, und der Pulk rast los. Zwei Würfel bestimmen, wie weit der erste Spieler ziehen darf. Der Radler, der genau hinter ihm steht, darf gleich mitziehen, denn er hängt im Windschatten. Für den folgenden gilt das gleiche. Und so weiter, bis die ganze Kette vorgezogen ist.

 

Das ist natürlich sehr bequem und bringt auch gleich das ganze Feld durcheinander, weil der Windschatten auch die Fahrer aus den hintersten Rängen nach vorne zieht, ehe andere Fahrer mit besseren Positionen zum Zug kommen. Doch es gibt ein paar kleine Haken: Verfolger müssen nämlich mit der genau gleichen Zahl von Schritten direkt hinter dem ausreißenden Vordermann landen. Der wird also versuchen, die lästigen Verfolger abzuschütteln. Wenn es möglich ist, rückt er mit seinem Zug in eine solche Position, dass der Platz unmittelbar hinter ihm nicht erreicht werden kann. Dann haben die Verfolger das Nachsehen. Sie müssen warten, bis sie an der Reihe sind, und sich außerdem dem Würfelglück anvertrauen, um in Schwung zu kommen. Der Kurs ist gespickt mit Schikanen. Enge Kurven, geteilte Fahrbahnen, Fahrspuren, die unerwartet enden. Da ist es leicht, den anderen in die Quere zu kommen. Das erste Rennen fährt man tunlichst auf dem einfachsten Kurs. Spätestens beim dritten Rennen packt einen schließlich der Spielteufel, und man einigt sich auf die gewundene Serpentinenstrecke, die vom Hauptkurs abzweigt und über den ganzen Innenteil des Spielplans führt...

UM REIFENBREITE gewinnt mit der Erfahrung und dem spielerischen Raffinement der Spieler. Bald wird man neugierig, was es wohl mit den Zahlen auf sich haben mag, die auf vielen der Felder aufgedruckt sind, und was wohl die verschiedenen Farben der einzelnen Streckenabschnitte bedeuten mögen. Die erweiterten Grundregeln verändern den Ablauf, denn nun spielt auch die Art des Straßenbelags eine Rolle. Ein glattes Beige bedeutet ebenso glatten Asphalt, auf dem alles reibungslos läuft. Blaugrün ist mit holprigem Kopfsteinpflaster gleichzusetzen. Die Ziffern auf den einzelnen Feldern führen zu Punktabzügen und bremsen das Tempo. Im schlimmsten Fall ist die gewürfelte Zahl kleiner als der Punktabzug, was den Fahrer für eine Runde an den Straßenrand schickt. Selbst die Windschattenfahrerei unterliegt Einschränkungen. Das gleiche Reglement gilt für die dunkelroten Abschnitte, denn diese bedeuten steile Bergstrecken. Dafür geht es auf der gegenüber liegenden Seite umso rasanter zu Tal. Dort werden die Punkte deshalb zu den Würfelaugen addiert.

Wer die Schachtel zum erstenmal öffnet, wird mit einer Fülle von Material konfrontiert. Jeder Spieler wird zum Beispiel mit einem guten Dutzend Energiekärtchen ausgestattet. Das sind entweder Joker oder Karten, die Nummern tragen, die mit denen der Rennfahrer übereinstimmen. Was anfangs kompliziert erscheint, wird schon nach der ersten Spielrunde sonnenklar, weil immer der gleiche Mechanismus wirkt: Wird solch ein Kärtchen ausgespielt, verlängert sich für den jeweiligen Fahrer der Zug um fünf oder sechs Punkte. Ein Radrennen ist natürlich mit allerlei Überraschungen gespickt, und bei UM REIFENBREITE ist das nicht anders. ZufalIskärtchen kommen immer dann ins Spiel, wenn ein Spieler sieben Augen würfelt. Das ist bei zwei Würfeln natürlich recht häufig der Fall.

In der Profi-Version schließlich werden vier unterschiedliche Strecken gefahren. Es gewinnt, wer mit seinen Teams die meisten Punkte einheimsen kann. Da wird die Atmosphäre schon recht realistisch. Zwischensprints bringen Punkte und das gelbe Trikot. Und als besonderen Pfiff kann man einen Punktvorteil erreichen, indem man sich einfach vom Begleitfahrzeug ein Stück mitziehen lässt. Da das natürlich unsportlich ist, wird der Fahrer disqualifiziert, wenn er erwischt wird. Die spieltechnische Lösung dazu ist ausgesprochen pfiffig: Jedesmal, wenn ein Spieler sich so vorwärts schleppen lässt, zieht er eine Fotokarte, deren Nummer vom Spielleiter notiert wird, ehe sie wieder in den Kartenstapel gesteckt wird. Am Spielende zieht der Rennleiter zwei Fotokärtchen und disqualifiziert alle Fahrer, für die diese Fotonummer aufgeschrieben wurde. Das sind eben die Fahrer, die von den Reportern durch das Bild dingfest gemacht wurden.

Bei einer solchen Fülle von Möglichkeiten und Spielarten liegt die Vermutung nahe, dass der Einstieg mühsam ist. Ein erster Blick auf die Spielregel scheint diese Befürchtung zu bestätigen, denn sie umfasst immerhin vierzehn großformatige Seiten. Doch es ist gar nicht so kompliziert. Viel Raum nehmen die Illustrationen ein, die die Erläuterungen in einfache, einleuchtende Beispiele umsetzen. Und außerdem begreift man schnell die innere Logik des Ablaufs. Der Rest ergibt sich dann schon fast von selbst. Eine witzige, teils recht skurrile Graphik unterstreicht den Spielspaß. UM REIFENBREITE ist ein Abend füllendes Programm, an dem zwei bis vier Spieler leicht eine bis eineinhalb Stunden sitzen können. Und an dem sie immer wieder gern sitzen werden.

1992

Autor

Rob Bontenbal

Verlag

Jumbo

Spieleranzahl

2
 bis 
4

Altersempfehlung

ab 
10
 Jahren

Dauer

ca. 
60
 Minuten

Ergänzende Informationen

...zum Spiel
Neuauflage bei Jumbo 2002