Spieleautoren-Stipendium 2015/16

Bericht Teil 1: Praktikum im Fachgeschäft Spieleburg Göttingen

Sophia Wagner

Von Sophia Wagner

Die Spieleburg befindet sich in bester Innenstadtlage in der Theaterstraße 17 in Göttingen. Gegründete wurde sie vor 20 Jahren vom heutigen Inhaber Arne Soltendieck und seiner Frau. Das Team besteht aus drei Auszubildenden und acht Mitarbeitern.

Die Spieleburg umfasst im Erdgeschoss einen großen Verkaufsraum, ein Büro, ein kleines Spiele-Lager, eine Küche, Kunden- und Mitarbeitertoiletten sowie einen Serverraum. Im Keller des Gebäudes befindet sich ein zweites, weitaus größeres Lager, in dem sich Türme aus Spieleschachteln neben Regalen voller Spielen und Spielzeug stapeln.

Die ehemals hauptsächlich auf Gesellschaftsspiele ausgerichtete Spieleburg hat ihr Angebot über die Jahre auch auf Spielzeug und Bücher für Kleinkinder erweitert. Der Verkaufsraum ist dem entsprechend zielgruppenorientiert in verschiedene Bereiche gegliedert. Betritt man den Laden, so befindet sich rechter Hand Spielzeug für Kleinkinder und Babys wie beispielsweise Puppen, Holzautos und Greiflinge. Links neben dem Eingang befindet sich ein Bereich mit Kinderspielen, Kinderpuzzles, Knobelaufgaben, und Bilderbüchern. Auf einem Tisch neben einer Kaffeemaschine sind immer ein paar Kinderspiele aufgebaut. Dies lädt zum gemütlichen Hinsetzen und Ausprobieren ein.

Verkaufsraum in der Spieleburg

Hinter diesem Bereich schließen sich die Gesellschaftsspiele und Puzzles für Erwachsene an. Von kleinen Kartenspielen, über Mitbring- und Familienspiele bis hin zu Kenner- und Vielspielerspielen findet man hier alles. Auch Experimentierkästen, Draußenspiele, Lego, hochwertige Holzspiele und vieles mehr sprechen eine breite Zielgruppe an.

Im hinteren Teil der Spieleburg gibt es ein großes Angebot an Warhammer-Miniaturen sowie Farben zum Bemalen und anderes Zubehör zum Erbauen ganzer Welten. Dort befindet sich auch eine Ecke mit Tischen, an denen man sich in Ruhe hinsetzen und das eine oder andere Spiel aus seiner Schachtel holen kann, um sich einen besseren Eindruck zu verschaffen. Selbst der Comic- und Manga-Liebhaber kommt in der Spieleburg nicht zu kurz.

Der Raum zum Spielen ist jedoch nicht nur während der offiziellen Öffnungszeiten der Spieleburg von Bedeutung. An mehreren Tagen finden am Abend Spieleveranstaltungen statt, die für alle Interessierten offen sind. Darunter sind normale Spieleabende, Magic-Runden und Tabletop-Abende. Die Mitarbeiter selbst treffen sich meist montagabends, um aktuelle Angelegenheiten zu besprechen und selber zu spielen.

Den Gesellschaftsspielen gegenüber befindet sich der Kassenbereich, in dem sich in der Vorweihnachtszeit meist zwei bis vier Mitarbeiter aufhalten. An zwei Kassen, die mit großen Bildschirmen ausgestattet sind, werden die Artikel eingescannt. Der Mitarbeiter sieht, was die Artikel kosten, gibt ein, wie viel Geld der Kunde gibt, und sieht, wie viel Rückgeld er herausgeben muss. Auch die Kartenzahlung oder das Reduzieren von Artikeln ist mit dem System der Spieleburg recht einfach, so dass ich schon an meinem ersten Tag an der Kasse arbeiten durfte.

Schwieriger ist das Aufnehmen neuer Artikel ins System. Hierbei muss viel beachtet und fehlerfrei eingetragen werden. Neben Artikelnummer und Name gibt man eine Artikelbeschreibung ein, die Wörter beinhaltet, welche man bei einer Suche nach dem entsprechenden Artikel nutzen würde. Der Einkaufspreis und Verkaufspreis müssen unter Berücksichtigung der richtigen Mehrwertsteuersätze eingegeben werden. Wenn Ware nachbestellt wurde, wird der Bestand im System aktualisiert.

Arne hat mir empfohlen, mein Praktikum in der Vorweihnachtszeit zu absolvieren, denn zu dieser Zeit wäre viel los. Und das kann ich nur bestätigen. Durch die vielen Kunden bleibt keine Zeit, sich zu langweilen. Ein unbekanntes Gesetz scheint allerdings dafür zu sorgen, dass Kunden nicht über den Tag verteilt in gleichmäßiger Anzahl in den Laden strömen. Statt dessen tauchen sie plötzlich in großen Mengen auf, und schon eine halbe Stunde später ist der Laden kurzzeitig fast leer, nur um dann erneut von Massen an Weihnachtseinkäufern überflutet zu werden.

An der Kasse wird auch das Einpacken der gekauften Ware angeboten. Dies erledigen die Mitarbeiter der Spieleburg in einem unglaublichen Tempo. Trotz Vorweihnachtszeit und großen Kundenzahlen sowie hohem Tempo an der Kasse bleibt die Stimmung in der Spieleburg durchweg gut und freundschaftlich. Und auch die meisten Kunden sind entspannt und freundlich. Dies liegt sicherlich auch an der einladenden Atmosphäre der Spieleburg mit all ihren Sitzecken und ansprechend präsentierter Ware, die nicht nur Kinderaugen zum Leuchten bringt.

Sitzecke Spieleburg

Wenn sich Kunden orientierungslos im Laden umblicken, eilt ihnen möglichst ein Mitarbeiter zur Hilfe, fragt nach ihrem Anliegen und versucht herauszufinden, was der Kunde sucht. Das ist nicht immer ganz einfach. Da wird beispielsweise nach einem Spiel gefragt, das die 7-, 11- und 14- jährigen Enkel gemeinsam mit ihren Eltern spielen können. Oder ein ganz bestimmtes Spiel soll verschenkt werden, nur leider erinnert sich der Kunde nicht mehr an den Namen oder einen Verlag, bei dem es erschienen ist. Durch gezieltes Nachfragen können aber auch schwierigere Anliegen meist zur Zufriedenheit des Kunden gelöst werden. Das Spiel mit unbekanntem Namen kann über das Thema und markante Mechanismen doch noch ermittelt oder zumindest passende Alternativen angeboten werden.

Für mich als angehende Spieleautorin war es sehr interessant zu erfahren, welche Art von Spielen besonders gut laufen und welche den größten Umsatz bringen. Zu meinem Bedauern werden Vielspielerspiele eher wenig verkauft. Selbst Spiele, die in der Spielerszene größere Aufmerksamkeit bekommen haben, gehen selten häufiger als jährlich fünf Mal über die Ladentheke. Spiele mit der Auszeichnung „Spiel des Jahres“ erreichen dagegen besonders hohe Verkaufszahlen. Auch Karten- und Mitbringspiele laufen gut. Ich habe häufiger erlebt, dass ein Spiel unter zehn Euro spontan und ohne genauere Kenntnis des Spiels einfach mal mitgenommen wird.

Wie viel der Laden an einem verkauften Spiel verdient, ist unterschiedlich. Sofern das Spiel nicht reduziert ist, gehen etwa 40 Prozent vom Verkaufspreis an den Laden, bei reduzierten Spielen weniger. Interessant ist auch, dass die Spieleburg ihren gesamten Gewinn in der Vorweihnachtszeit erwirtschaftet. Die Einnahmen fallen in dieser Zeit etwa dreimal höher aus als im Jahresdurchschnitt. Im restlichen Jahr gleichen sich Einnahmen und Ausgaben in etwa aus, so dass ein Monat meist mit plus minus null abgeschlossen wird.

Auffällig in der Spieleburg sind große Mengen an stark reduzierter Ware. Hier widersprechen die Preise in der Spieleburg dem Vorurteil, Spieleläden seien teurer als der Onlineeinkauf. Dies liegt zum Teil daran, dass Arne gute Beziehungen zu Spieleverlagen unterhält und in der Verlags- und Spieleszene gut vernetzt ist. So bekommt er oftmals die Chance, den Verlagen ganze Paletten von guten Spielen sehr günstig abzunehmen, welche diese aus unterschiedlichen Gründen loswerden wollen.

Bei einer solchen Lieferung von elf Paletten mit unterschiedlichen Spielen war ich dabei. Schon an den Tagen vor der Lieferung musste im ohnehin schon vollen Lager irgendwie Platz geschaffen werden. Für den Tag der Lieferung wurden dann zusätzliche Hilfskräfte benötigt. Die Paletten kamen mit einem großen Laster an und wurden zunächst in die hintere Ecke des Ladens gestellt. Dort entfernten wir die Folie und sortierten die einzelnen Kisten nach Spielen. Wir bildeten eine Menschenkette, die die Kisten von den Paletten durch den Laden, über das Treppenhaus, bis in den Keller weiterreichte. Ich selber stand am Anfang der Kette, habe die Kisten von den Paletten genommen und dem nächsten in der Kette entgegen getragen. Ab und zu kamen Anweisungen, welches Spiel oder welche Kistengröße als nächstes benötigt wird, um den Keller optimal zu füllen.

Sophia Wagner

Der geschäftigste Tag meines Praktikums war der Samstag vor dem vierten Advent, das Wochenende vor Weihnachten. Auf die letzte Minute wird noch nach Geschenken gesucht, mehr Mitarbeiter als sonst wuseln durch die Kundenmengen, beraten oder schauen ob das eine oder andere Spiel noch zu haben ist. An diesem Tag muss alles reibungslos laufen, so dass ich ausschließlich im Verkaufsraum berate, da ich hinter der Kasse und beim Einpacken der Geschenke noch wesentlich langsamer bin als die Mitarbeiter. Nach einem anstrengenden Tag findet sich auch an diesem Samstag noch eine kleine Gruppe zum Spielen.

Die Arbeit im Spielwarenladen selbst unterscheidet sich nicht sehr von meinen anderen Erfahrungen im Einzelhandel. Was jedoch einen Unterschied macht, sind die Veranstaltungen rund um die Spieleburg und die Begeisterung, die alle Beteiligten dem Spiel entgegenbringen. So ist die Spieleburg in Göttingen weit mehr als ein Ort, an dem man Spiele kaufen kann.