München leuchtet und… spielt

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Dienstag, 17. April 2018

Die bayerische Landeshauptstadt ist in der ganzen Welt bekannt für eine besondere Art von Gemütlichkeit, einen möglicherweise verrückten König und ein kollektives Besäufnis, das größtenteils im September stattfindet, obwohl es Oktoberfest heißt. München ist aber auch ein Magnet für Kultur, von der Filmszene über die Kleinkunstbühnen in Haidhausen, Schwabing oder am Schlachthof bis zu den Ausstellungen im Haus der Kunst, in der Hypo-Kulturstiftung oder stimmigen Opern und Schauspielen im Stadtzentrum.

Ganz in der Nähe, nämlich am Marienplatz, ist im Turm des Alten Rathauses das Spielzeugmuseum untergebracht. Man steigt über enge Wendeltreppen hinauf und findet in verschiedenen Stockwerken zwar bestaunenswertes Spielzeug aus der Sammlung des Karikaturisten Ivan Steiger, leider aber keine Spiele. Doch nur wenige Meter entfernt auf dem Weg zum Viktualienmarkt kann man wunderschöne Klassiker in edlen Hölzern erwerben.

Das Spiel als Kulturgut wurde in München von Spielern schon früh entdeckt und so entstand auf der Basis der Aktivitäten des Tabakkonzerns BAT für den KRONE-Club für Spiel- und Freizeit bereits Anfang 1977 der KRONE-Spielekreis München-Nymphenburg. Nachdem sich immer mehr Nichtraucher der Gruppe anschlossen, führt man seit 1979 mit dem passenden lokalen Ambiente den Namen Münchner Spuiratz’n. Anfangs stellte BAT noch die Spiele zur Verfügung, seither sorgt Jo Weigand als Oberspuiratz für die notwendigen Neuheiten, die dann im Wirtshaus im Isartal ausprobiert werden können. 

Bereits seit Beginn der Deutschen Meisterschaft im Brettspiel tragen die Spuiratz’n eine der Vorentscheidungen aus. Nach 40 Jahren im Verein hat sich Jo Weigand nicht wieder zum Vorstand aufstellen lassen und widmet sich „nur“ noch der Meisterschaftsorganisation und der Turnierleitung. Jo Weigand ist Mitbegründer des Bayerischen Spielearchivs in Haar bei München.

Sehr viel jünger ist eine regelmäßige Spieleveranstaltung, die während des Semesters vor den Toren der Stadt in Garching immer montags in der Magistrale der TU München im Bereich Mathematik, Physik und Informatik stattfindet. Ins Leben gerufen hat den Spieleabend Michael Wang, weil er durch den Aschheimer Spiele-Treff zum Spielen gekommen war und die Freude am Spiel mit den Erstsemestern teilen wollte. Die ersten Spiele hatte sich Wang in Aschheim oder beim Bayerischen Spiele-Archiv in Haar ausgeliehen. Heute hat die Fachschaft die Organisation übernommen und wenn das Wetter mal keines vom Kaiser ist und in der Allianz-Arena niemand spielt, kann man schon bis zu 180 Erstsemester in der Magistrale bei bekannten und neuen Spielen sehen. Aktuell gab es für die neuen Studenten ein Scotland Yard Real Life, bei der Detektivgruppen eine Mister-X-Gruppe mit Hilfe des öffentlichen Nahverkehrs quer durch München jagten. 

Vor etwas über zwanzig Jahren öffnete der bereits erwähnte Aschheimer Spieletreff seine Pforten. Zustande gekommen war er durch die Errichtung einer der bislang letzten evangelischen Kirchenneubauten in Bayern, der Segenskirche in Aschheim. Pfarrer Alfred Kraut und ich hatten die Idee, der neuen Kirche eine zusätzliche Attraktion zu bescheren. Zaghaft ging es Anfang 1997 in den Räumlichkeiten der Kirche los. Heute kann man an jedem Dienstag im Münchner Osten kostenfrei brandneue Spiele ausprobieren. Gemeinde und Kirche haben den Wert des sozialen Engagements erkannt und unterstützen den Treff mit Mietfreiheit und Lagermöglichkeiten. Über eine Kooperation mit der Gemeindebücherei sind Ausstellungen der ausgezeichneten Spiele um die Weihnachtszeit oder unterjährig auch zu bestimmten Themen ein weiterer kultureller Hingucker in der Gemeinde und im Landkreis München. Der Aschheimer Spieletreff traf sich 2017 zum 555. Mal.

Ein Glas Sekt zum 555. Aschheimer Spieletreff

Bereits vor dem Spieletreff in Aschheim ging ebenfalls im Münchner Osten der Haarer Spieleabend an den Start. Tom Werneck, Mitgründer von Spiel des Jahres, hatte die Idee, Spielbegeisterten auch im Münchner Landkreis die Möglichkeit zu geben, ihrem Hobby nachzugehen. Das Angebot wurde erfreut angenommen und so kommen bis heute jede zweite Woche 25 bis 50 Spieler in die Vereinsräume oberhalb des Gasthofs zur Post. In den folgenden Jahren schossen die Spieletreffs wie Pilze aus der Erde des Münchner Umlands: Poing, Karlsfeld, Milbertshofen ...und mindestens 25 weitere. Sogar in der Nähe des Chiemsees konnte Nils Kruse seiner Leidenschaft Gestalt geben und gründete die Aiblinger Zockerbande. Kruse führt auch die beliebte Thalhäusl-Freizeit durch. In einem Selbstversorger-Haus in Alpennähe kann man im Frühjahr bis zu einer Woche spielen, spielen, spielen.

Im Kulturhaus Milbertshofen laden die „Spielmilben“ Andreas und Dominik Trieb bereits seit 2005 zum Spielen ein. Über 210 Brettspielabende und einige Turniere haben die Triebs bereits veranstaltet. Neben vielen aktuellen Neuheiten stehen fast alle Spiele des Jahres zur Verfügung. Wie in Aschheim und in Haar ist der Eintritt frei. Andreas Trieb hat in der Vergangenheit auch einige Spiele erdacht und auf den Markt gebracht. Die ersten noch in den 80er Jahren beim Münchner Verlag Hans im Glück.

München ist reich an weiteren Spieleautoren, von Aaron Haag bis Dr. Reiner Knizia, sicherlich sind es weit mehr als zwanzig. In München und Umgebung hatten und haben sich auch einige Spieleverlage ein Stelldichein gegeben: Schon vor über 100 Jahren gab es die Klassiker: Die Schmid(t)s im Norden und Süden – Schmidt Spiel und Freizeit in Nürnberg, dann in Eching und F.X. Schmid in München, seit dem zweiten Weltkrieg in Prien. Dort hält bis heute Stefan Brück für alea die Stellung. Hans im Glück hatte sich mit den Verlagsgründern Karl-Heinz Schmiel und Bernd Brunnhofer schon in den frühen 80er Jahren in München einen Namen gemacht, ein Ableger war damals Die Spiele Agentur. Schmiel stieg bei Hans im Glück aus und gründete 1987 den Moskito Verlag. Gemessen an den Auszeichnungen ist Hans im Glück heute einer der erfolgreichsten Verlage. In diesen frühen Tagen etablierte sich auch der Zoch Verlag von Klaus Zoch und Albrecht Werstein, die sich nicht nur die Verwendung von Holz im Spiel auf die Fahnen geschrieben hatten, sondern bis heute auch ein steter Quell verrückter Ideen sind. Doch auch ein paar Kleinverlage machen die Spiele-Stadt München noch bunter: Krimsus Krimskrams Kiste ist seit 20 Jahren nicht aus der Szene wegzudenken. Dafür sorgt neben Partner Sandfox vor allem Krimsu selbst, der jeden Morgen auf der Spielwies’n im Pharao-Outfit die Protagonisten mit seinem markigen Begrüßungsschrei in den Messetag entlässt. Sehr viel ruhiger geht es bei WiWa-Spiele zu, die ganz gelassen zwei erfolgreiche Spiele verlegt haben und dafür einige Preise einstreichen durften. Man kann sicherlich auf das nächste Werk gespannt sein, das zum passenden Zeitpunkt in aller Ruhe erscheinen wird. Seit kurzem hat Dave Stennett mit seinen Playford Games in der Säbener Straße, nicht weit vom FC Bayern entfernt, seine Zelte aufgeschlagen.

Einige Institutionen sind über Stadt und Landkreis hinaus bekannt.

Das Bayerische Spielearchiv in Haar beherbergt neben vielen Tausend Spielen der Nachkriegszeit und rund 2000 Büchern und Publikationen über das Spielen, die Spiele und die Spieler auch einige Raritäten aus den vergangenen 150 Spieljahren, die Haarer und Münchner Bürger dem Archiv geschenkt haben. Die Gemeinde Haar hat dem Archiv Flächen und Infrastruktur großzügig zur Verfügung gestellt. Das Bayerische Spielearchiv hat vor einigen Jahren den wissenschaftlichen Kongress "Boardgame Studies" ausgerichtet. Das Archiv nimmt auch regelmäßig beim bundesweiten Tag der Archive teil, zuletzt 2018 mit der Ausstellung „Demokratie und Bürgerrechte“. 

Die Spieleerfindermesse bietet Spieleautoren jedes Jahr mit der ersten Frühlingssonne ein Forum, ihre Prototypen Verlagen, aber auch interessierten Spielefans zu präsentieren. Bis zu 100 Autoren kommen - zum Teil aus den Nachbarländern - ins Bürgerhaus nach Haar, wo sie an ihren Tischen darauf warten, dass einer oder mehrere Redakteure der Spieleverlage bei ihnen vorbeischauen und sich für die Umsetzung der kreativen Ideen begeistern. Organisiert wird die Messe von Christian Fürst-Brunner, der damit gleichzeitig Gelegenheit zu vielfältigem Erfahrungsaustausch bietet. Die Spieleautorenzunft SAZ unterstützt den Event. Begleitet wird die Messe oftmals durch eine Ausstellung seltener Spiele im Foyer des Bürgerhauses.

Seit über 25 Jahren gibt es die Münchner Spielwies‘n. Petra Griebel und ihr Bruder Thomas Gärtner führen diese Publikumsspielemesse, die zu den größten im deutschsprachigen Raum gehört. Nach etlichen Jahren im Forum der Technik im Deutschen Museum mit ständig wachsender Besucherzahl gab es brandheiße Gründe, die Location zu wechseln. 2008 zog die Spielwies’n in die Hallen im Messegelände M,O,C,. Seit einigen Jahren hat Spiel des Jahres an zentraler Stelle einen Stand auf der Spielwies’n. 

So allerdings ist der SDJ-Stand dem Publikum auf der Spielwies’n nie präsentiert worden.

Der Erfolg der Messe beruht weitgehend auf der Einbindung der freiwilligen ehrenamtlichen Helfer, der sogenannten Erklärbären, die in orangefarbene T-Shirts gewandet, nicht nur Spiele an der Ausleihe ausgeben, sondern auch gerne und häufig direkt am Tisch erklären und ins Spiel einführen. Diese Erklärbären stammen fast alle aus den weiter oben erwähnten Spielekreisen. Diese Messe ist ein Highlight im Spielejahr der Vielspieler, aber auch magischer Anziehungspunkt für viele Familien mit Normalspielerstatus. Besonders ist die Stimmung auf der Spielwies’n nicht nur durch die persönliche Präsenz von etlichen Lokalmatadoren, sondern auch durch die lange Nacht der Spiele und Krimsus Weckruf, während die Spielbegeisterten auf das Öffnen der Hallentore warten.

 

Ich habe während meiner Recherche für diesen Artikel erstaunlich viele Plätze und Gruppen gefunden, bei und mit denen man im Großraum München spielen kann. Viel mehr, als ich bereits kannte oder vermutet habe. Wahrscheinlich sogar viel mehr, als ich jemals besuchen kann. Sollte ich jemanden vergessen haben: sorry, ich bitte um freundliches Feedback. Ich finde es toll, hier zu leben und Spiel erleben zu dürfen. München leuchtet da ganz besonders.

Oh ja, ein Spielecafé gab es auch vor einigen Jahren am Isarufer. Die haben zuerst brav in den Erdgeschossräumen gespielt, hatten dann allerdings wohl ein paar Spiele und Spieler der falschen Sorte im Keller…