Kein Wunder von Bern

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Freitag, 3. November 2017

Die Suisse Toy in Bern und das „Spiel des Jahres“: Das passt. Schon seit Jahren verläuft die Zusammenarbeit mit der größten Spielemesse der Schweiz sehr erfolgreich - und doch kann das Spielen in der Schweiz nicht seine vollen Möglichkeiten ausschöpfen. Dabei sind die Weichen so sauber gestellt wie bei der SBB: 

Die Schweizer spielen viel.
Frage ich bei einem Besucher an unserem Stand nach, dann lautet meistens die Antwort: „Es wird vor allem gejasst“. Das alte Stichspiel hat Tradition und die wird bei unseren südlichen Nachbarn groß geschrieben. So groß, dass das Nationalspiel schon seit Jahrzehnten im Schweizer Fernsehen zentral gefördert wird, wenn beim sommerlichen „Donnschtig-Jass“ vor malerischer Marktplatzkulisse zur besten Prime Time zwei Dörfer gegeneinander antreten - und die Eidgenossen haben Freude daran, anderen beim Kartenspielen zuzuschauen. 

Die Schweizer spielen gern.
Sie lieben es, gemeinsam mit Karten in der Hand am Tisch zu sitzen und fühlen sich dadurch eng verbunden. In einem Land mit vier offiziellen Amtssprachen und entsprechend unterschiedlichen Mentalitäten ist Spielen eines jener Dinge, das ihre Kulturen zusammenbringt. 

Der Stand vom „Spiel des Jahres“ war rund um die Uhr belegt, der Andrang immens. Die Erklärerinnen und Erklärer permanent und unermüdlich im Einsatz. Im Gegensatz zu den Messen in Deutschland fungieren wir auf der Suisse Toy als Ludothek, wir geben Spiele als Leihgaben heraus. Egal ob „Terraforming Mars“, „Kingdomino“ oder auch Spiele der Empfohlenen- und Nominiertenlisten der Vorjahre: Wir haben alles dabei und erklären, wie man spielt. 

Hier offenbarte sich nun ein Schwachpunkt der Suisse Toy: Die Menschen kommen, so erfuhr ich oftmals im direkten Gespräch, nur wegen uns auf die Messe. Weil die Schweizer eben sehr gerne spielen, neugierig sind und das Jassen vielen zu angestaubt ist. 

Die Grundproblematik, wie sie Synes Ernst schon im vergangenen Jahre ansprach, hat sich nicht verbessert: Das Verlagsangebot blieb dünn. Amigo war mit einem Stand einzig für "ICECOOL" da. Ravensburger, Kosmos, Carletto, Cuboro, Brändi, Carta Media - das war es auch schon.
Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Das „Spiel des Jahres“ ist gerne in Bern und wir sehen ja, wie viel wir bewirken, wie eifrig die Besucher dort unsere Broschüren mitnehmen und schnurstracks zu den Ständen der Händler gehen und das kaufen, was sie eben noch bei uns spielen konnten. Die Nachfrage ist da, ein interessiertes, kaufstarkes Publikum hat Beratungsbedarf. Dieser wird aber leider nicht bedient. Die Verlage des deutsch- und französischsprachigen Raums lassen Chancen verstreichen.

Hier lauert die Gefahr: Was geschieht, wenn Nachfrage nicht bedient wird und Interesse müde verhallt? Die Menschen wenden sich ab - und anderen Dingen zu. Auf der Suisse Toy konnte man dazu einfach ein Stockwerk tiefer gehen und dann die Computerspieler bei ihren „League of Legend“-Matches verfolgen. Anderen beim Spielen zuzuschauen, das kennen die Schweizer nunmal schon vom "Donnschtig-Jass".
Damit mehr Schweizer erfahren, wie hochwertig, unterhaltsam und gut moderne Gesellschaftsspiele sind, müssen sie sie kennenlernen - und nicht nur zuschauen. Wir geben unser Bestes, garantiert. Aber ganz allein schaffen selbst wir das nicht.