Die Unbespielbaren

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Dienstag, 6. Dezember 2016

Die Unbespielbaren oder die Pubertät als Schwarzes Loch in der Brettspielwelt

Auf einmal, manchmal über Nacht, ist sie geschehen: die kafkaeske Verwandlung spielbegeisterter Kinder in fremdartige Unwesen mit festgewachsenem Smartphone und Ohrstöpseln!

Aus liebenswerten Mädchen werden alberne, dauerkichernde oder wahlweise dauerzickende, mimosenhafte, zumeist mit einer oder mehreren Freundinnen symbiotisch auftretende und Jungs scheinbar wie die Pest meidende Daseinsformen.
Nette Jungs mutieren zu kommunikationsfeindlichen, desinteressierten Yetis, an denen Erwachsene bei Kontaktaufnahmeversuchen festfrieren. Sie treten offenbar je nach genetischer Determinierung als schweigsame Einzelgänger oder in rüpelnden Pulks auf, in beiden Fällen aber zumeist stark und unangenehm riechend. Als ob sie ahnten, dass sich die Mädchen vor ihrer Spezies zu ekeln vorgeben, lehnen sie diese umgekehrt vorsichtshalber präventiv ab.

Gemeinsames Merkmal der zwei beschriebenen pubertierenden Subkulturen ist die strikte Ablehnung jeglicher pädagogischer Einflussnahme und die hoch entwickelte Nase für entsprechende Versuche. Will man also diese Sondergruppe der Primaten für Brettspiele gewinnen bzw. zurückerobern, muss eine entsprechende pädagogische Annäherung bis zur Unkenntlichkeit getarnt werden und harmlos, als keinesfalls mit der Kindheit in Verbindung zu bringendes Spielgeschehen, daherkommen. Im Falle des Aufkeimens eines derartigen Verdachts zum Auftakt des Versuchs, ein Brettspiel zu beginnen, ist sofort der Schwenk zu einer herablassenden, albern bis ironisch kommentierenden Spieleparodie geboten.

Die pädagogikunverdächtige, überrumpelnde Attacke, die keine Zeit zum Nachdenken und Zerreden lässt, ist in diesem Zusammenhang die Methode der Wahl: ein geeignetes Brettspiel einfach ohne Vorrede mit großer Regelsicherheit beginnen unter Zwangsbeteiligung der anwesenden, in Rede stehenden Adressaten. Gelingt es, bei den Pubertären das Gefühl aufkommen zu lassen, sie hätten ihre Spielentscheidungen vollständig selbst und ohne Einflussnahme von außen getroffen, und es fällt ihnen nicht negativ auf, dass sie selbst tatsächlich (eventuell wieder!) Spaß an einem Brettspiel haben, dann ist der Idealfall mit möglichem Nachhaltigkeitseffekt eingetreten.

Puberteurinnen können geködert werden mit Spielen, in denen eingeschätzt, geraten, gemalt, herumgealbert und sich unterm Strich lustig gemacht wird, wodurch ein wesentlicher Teil der gesellschaftlichen Kommunikation in der für sie schon aufdämmernden Erwachsenenwelt eingeübt werden kann.
Puberteure stehen mehr auf maskulinen Wettbewerb, Selbstbehauptung und typische Männer- bzw. Abenteuerwelten, manchmal sogar auf Herausforderungen zu mannhafter Kooperation. Brettspiele und /oder Rollenspiele (mit fähigem Teamleiter), die dies bieten, haben durchaus eine Chance, vorausgesetzt sie sind mental deutlich von Kinderkram abgrenzbar.

Unter vorstehenden Prämissen Brettspielrunden zu implementieren, ist in der Regel nur unter Wahrung einer strikten Geschlechtertrennung möglich – Ausnahmen sind allerdings im Kontext allerglücklichster und sensibel erspürter Personalkonstellationen möglich, obwohl in keiner Lebensphase die Welten von ROSA und BLAU schärfer voneinander getrennt sind.

Bleibt noch das Problem des spielefeindlichen Kommunikationsequipments! Ohne Abtrennung des Smartphones vom pubertierenden Körper einschließlich Ohrentstöpselung kein Brettspiel! Hier sind kreative, sensible Lösungen der Erwachsenen gefragt, die mir nie eingefallen sind. Ich pflege unter Missachtung all dessen, was ich hier geschrieben habe, ein brutales Handyverbot durchzusetzen und habe nicht selten ein Wunder erlebt: Bald wird das Verbot von meinen Probanden selbst eingefordert, man erinnert sich gegenseitig daran und behauptet plötzlich, es sei auch – zumindest vorübergehend – ein Leben ohne Handy und Verkabelung möglich und sogar ganz okay.