Buch und Spiel

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Freitag, 11. November 2016

Die Verquickung von Buch und Spiel ist vielfältig: Zuerst mag dem geneigten Leser Stefan Zweigs „Schachnovelle“ einfallen. Oder dem geneigten Spieler das Nachschlagewerk „Das Spiele-Buch“ von Erwin Glonegger.

Doch halt! Das ist schon jetzt zu kurz gesprungen. Sind die Beziehungen zwischen den beiden Kulturträgern Buch und Spiel wirklich so banal und so schnell erfassbar?

Ein Überblick

Auf der einen Seite finden wir Literatur, die sich mit dem Spiel oder dem Homo Ludens beschäftigt. Wie bereits genannt „Die Schachnovelle“ oder auch Dostojewskis „Der Spieler“. Wer dazu ein bisschen mehr wissen möchte, dem sei Stefan Wilferts Buch "Das Lesebuch der Spieler" empfohlen.
Weiterhin gibt es Szenen in Romanen, die von Spielen und Spielern handeln. Bond, James Bond, ist im Klassiker „Casino Royale“ von Ian Fleming bei seinem Auftritt am Spieltisch so packend beschrieben, dass man beim Lesen selber feuchte Handflächen bekommt, so als hielte man die Karten in eigenen Händen.

Auf der anderen Seite: die Spiele. Viele Spiele sind zu literarischen Vorbildern entstanden, weil ein erfolgreiches Buch bei seiner Weitervermarktung zusätzliche Einnahmequellen erschließen sollte. Und dabei gibt es, um es gleich vorweg zu nehmen, wenig Licht und viel Schatten.

Wenige Fälle beschreiten den umgekehrten Weg: Zuerst war das Spiel da, erfolgreich und spannend. Danach kam das passende Buch dazu, na ja, in der Regel mehr oder weniger erfolgreich: „Carcassonne“ und „Das Schicksalsrad“, „Die Legenden von Andor“ und „Das Lied des Königs“. Und für einen echten Liebhaber der „Siedler von Catan“ oder einen Fan von Rebecca Gablé ein Muss ist natürlich - allein schon aus Sammlerstolz - der gleichnamige Roman.

Romanverspielungen

Ein weiteres Genre sind Bücher, mit oder in denen man spielen kann. Vom Wimmel- und Wuselbuch für die ganz Kleinen bis zum Abenteuerbuch, durch das sich die ganz Großen gemeinsam kämpfen, finden wir einen bunten Strauss, der die gesamte Palette von öde bis spannend abdeckt.

Und schließlich gibt es noch ein Exemplar, das die Brücke zwischen einigen medialen Spielarten schlägt: das von Chris Van Allsburg ursprünglich als Kinderbuch geschriebene „Jumanji“. Durch seine Umsetzung als Spiel und vor allem als Film (mit Fortsetzung im kommenden Sommer!) hat es viele Millionen Dollar eingespielt.
Im preisgekrönten Buch entdecken zwei Kinder ein Brettspiel mit Hindernissen, ähnlich Parcheesi (Pachisi) oder Malefiz. Einmal begonnen, saugt das Spiel die Kinder ins Geschehen ein und entlässt einen von ihnen erst 26 Jahre später wieder in die Freiheit, in der er es endlich fertig spielen und mit dem erlösenden Schrei "Jumanji" beenden kann.

Zehn? Fünfzehn? – Mehr als zweihundert!

Als ich die Idee hatte, mich mit den Verbindungen zwischen Buch und Spiel zu beschäftigen, konsultierte ich zuerst meine persönliche Spieledatenbank und bin Titel für Titel durchgegangen, um die entsprechende Gemeinsamkeit zu entdecken. Anfangs vermutete ich, bei meiner Recherche auf etwa zehn bis 15 Exemplare zu stoßen. Doch nach sorgfältiger Auszählung hatten sich bald weit mehr als 170 Spiele gefunden, die auf die eine oder andere Art mit Buchtiteln zur Deckung kamen. Wenn ich alle Ausgaben von Spielen berücksichtige, die sich mit dem „Herrn der Ringe“ beschäftigen oder mit Inhalten der Bücher von H.P. Lovecraft, erhöht sich diese Zahl auf deutlich über 200. Daher kann ich hier nur beispielhaft auf einige dieser Verbindungen eingehen.

Natürlich gibt es häufiger zufällige Namensgleichheiten zwischen Buch und Spiel, die sonst aber nichts miteinander zu tun haben, beispielsweise „Das Schloss“ von Franz Kafka und das von Kemal Yun. Oder das „Vermächtnis“ von Ramakrishna und das von Michiel Hendriks. Oder “Katz und Maus“ von Günther Grass und das gleichnamige Spiel für zwei Personen von Jumbo. Oder ...

Jede Menge Buchverspielungen

Manchmal ist es gar nicht so schwer, mit einem einfachen Spiel am Erfolg eines Bestsellers zu partizipieren. Kinderbücher mit eingängiger Grafik sind wunderbare Voraussetzungen für Memo-Spielchen, die schlicht die bekannten Bilder auf ein bekanntes Spielprinzip aufsetzen. Eric Carles „Die Kleine Raupe Nimmersatt“ und die bereits bei unseren Eltern und Großeltern überaus beliebte „Häschenschule“ von Fritz Koch-Gotha sind Paradebeispiele für diese Art von Crossover. Leider klappt das vor allem bei Familienspielen nicht immer; so verschwand schon relativ bald trotz grafischer Übereinstimmung das Spiel „Emil und die Detektive“ in der Versenkung. Erich Kästner wäre vermutlich damit einverstanden gewesen. Ähnlich erging es dem „Blaumilchkanal“ von Ephraim Kishon und dem „Loriot-Spiel“.

Otfried Preussler landete mit seinem kleinen Gespenst einst einen kinderliterarischen Volltreffer. Kai Haferkamp setzte dies in ein wunderbares Kinderspiel um, das 2005 mit dem Preis Kinderspiel des Jahres ausgezeichnet wurde.

Das kleine Gespenst

Mit „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ zündete eine Quiz-Idee, die richtiges und nicht ganz richtiges Deutsch in ein Rate- und Wissensspiel umsetzte, das zumindest eine Zeitlang dem Hype folgen konnte, den Bastian Sick mit seinen Büchern ausgelöst hatte.

Und immer wieder tauchen Spiele auf, deren Autoren von großartigen Büchern inspiriert wurden; beim „Namen der Rose“ von Stefan Feld, aber auch bei der „Abtei der wandernden Bücher“ von Thomas Fackler haben die Originalbücher von Umberto Eco Pate gestanden. Und apropos Pate: Auch hier werden wir fündig; Don Corleone kommt uns nicht nur in Buch und Film sehr nahe, auch im Spiel „Der Pate“ von Michael Rieneck aus dem Kosmos Verlag.

„Der Da Vinci Code“ von Dan Brown war ein Millionenseller, kam in Deutschland aber unter dem Titel „Sakrileg“ auf den Markt. Ein paar Verleger hatten sich den Titel „Da Vinci Code“ für ihre Spiele gesichert und mussten dann zähneknirschend die kurzfristige Namensänderung hinnehmen.

Die Saga „Das Lied von Eis und Feuer“ von George R.R. Martin ist mit ihren Romanen ein Riesenerfolg, großartig unterstützt von der Fernsehserie „Game of Thrones“. Spiele dazu gibt es gleich einige. Die meisten von ihnen wollen hauptsächlich mit Karten punkten, die Szenen mit den beliebten Schauspielern zeigen. Für Fans der Starks oder Lennisters ein attraktives Angebot. Die Verkäufe halten sich allerdings in überschaubaren Grenzen.

Auch Terry Pratchetts Scheibenweltromane haben ihre Umsetzung im Spiel gefunden, bei „Ankh-Morpork“ tauchen viele der skurrilen Protagonisten in der großen Stadt am runden Meer auf dem Spielbrett auf.

Philip Pullman hat in seinem Buch „Der Goldene Kompass“ eine fantastische Geschichte geschrieben, die im ersten Teil mit einer Reise nach Bolvangar endet. Im Brettspiel „Der Goldene Kompass“ ist die Szenerie grafisch so kongenial umgesetzt, dass man den Hauch der nordischen Kälte förmlich spürt.

Der Goldene Kompass

Bestsellerautor Ken Follett schuf mit den „Säulen der Erde“ und den „Toren der Welt“ zwei komplexe Werke, die von Michael Rieneck und Stefan Stadler in zwei ebenfalls komplexen Spielen umgesetzt wurden. Dabei folgen beide Spiele stark der Buchgeschichte und nehmen über innovative Mechanismen und die stimmige Grafik von Michael Menzel die Spieler mit in ein spannendes und strukturiertes Abenteuer, das gerne auch mal 90 Minuten überschreitet. Aufgrund seiner Qualitäten erhielt „Die Säulen der Erde“ einen Platz auf der Empfehlungsliste zum Spiel des Jahres 2007. „Die Tore der Welt“ führt die Geschichte um die Kathedrale in Kingsbridge fort. Das Spiel erhielt 2010 den Sonderpreis „Spiel des Jahres Plus“. Heute würden wir beide Spiele in der Kategorie „Kennerspiel“ wiederfinden.

Die Tore der Welt

Die Jury Spiel des Jahres hat übrigens bereits vor über 30 Jahren ein Spiel mit dem Hauptpreis ausgezeichnet, das die Brücke in einen literarischen Bereich schlägt, der den meisten Lesern wohlbekannt sein dürfte, und zwar zu Sir Arthur Conan Doyle und „Sherlock Holmes’ Criminal-Cabinet“.

Von „Abyss“ bis „Zorro“

... gibt es jede Menge Spiele, die ihr Pendant im Buch finden und umgekehrt. Viele sind in der Versenkung verschwunden, zum Teil wegen schlechter Regeln, zum Teil wegen Innovationsmangel oder langweiliger Spielmechanismen. Aber einige werden uns in Erinnerung bleiben, da sie immer noch spannend und kurzweilig sind, dank der guten Arbeit von Autor, Redakteur, Grafiker und Verleger und dank eines guten literarischen Vorbildes.

Was ich mir im Bereich Buch und Spiel noch wünsche? Tja, zum Stichwort Regeln fällt mir der Science-Fiction-Autor Iain M. Banks ein: Wäre es nicht toll, wenn sich sein Bestseller "The Player of Games" in ein Spiel umsetzen ließe? Warum? Ganz einfach: Eines der dort durch die Galaxien reisenden Raumschiffe trägt den Namen "Just Read the Instructions!"

Chris Mewes

Chris Mewes