Von der (Un-)Möglichkeit, Kinderspiele zu testen

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Mittwoch, 14. September 2016

Wenn man jährlich circa 150 Kinderspiele zugeschickt bekommt, muss man räumlich denken, will man alle Spiele in seiner Wohnung lagern. Und man muss sehr planmäßig denken, will man diese Spiele mit der Zielgruppe testen. Wenn man – wie ich – über wenig bis keinen Nachwuchs verfügt, lagert man seine Testmöglichkeiten aus und putzt im klassischen Sinne Klinken.
Zwei Türen gibt es, an denen geputzt werden kann: befreundete Familien und Kindergärten / Grundschulen.
Da Kindergärten / Grundschulen sowieso voller Kinder und damit wahrscheinlich auch voller Kinderspiele sind, dachte ich, ich nehme mir den härteren Brocken vor und klopfte zuerst bei den Familien an: Hab ich da jemals Spiele im Regal stehen sehen? Oder die Eltern / Kinder über Spiele reden hören? Egal, wird schon klappen.

Spielen fördert Nähe

Spielen fördert Nähe unter Geschwisterkindern.

Es klappte nicht nur, ich rannte offene Türen ein. Da kommt jemand und beschäftigt die eigenen Kinder für zwei bis drei Stunden? Unentgeltlich?! Und wir bekommen hinterher noch Spiele GESCHENKT?! Der absolute Traum.
Kaum saß ich am Tisch, wurden mir aus Dankbarkeit viele Gaben dargeboten. Kaffee, Plätzchen, Kuchen und sonstige Nahrungsmittel wanderten vor die eigene Brust und später auch in den Bereich darunter. Danach sah man von den Erzeugern erst Mal nichts mehr. Schließlich gab es für sie jetzt die Möglichkeit, die nächsten Stunden ungestört Papiere zu sortieren oder Wäsche zu machen oder einfach all die Dinge, für die man sonst Ruhe und Konzentration brauchte. Ein wahrer Luxus, den es zu nutzen galt.
Es folgten etliche Spielerunden, und die Testkinder multiplizierten sich. Da saßen plötzlich auch Nachbarskinder am Tisch oder Schulfreunde. Da riefen Nachbarn die Testeltern an, wann denn der Spieleonkel mal wieder vorbeikommt und sie ihre Kinder rüberschicken könnten.

Manche Eltern nehmen es zu genau

Manche Eltern nehmen die Bedeutung von Spiele-Chips zu genau.

Spiele testen in Familien: ein überraschend großer Erfolg. Den man aber nicht ständig bekommen kann. Selbst wenn es immer mehr Tester werden, haben Kinder nicht permanent Zeit. Fußballverein, Cellounterricht, Chinesisch-Stunden: der Stundenplan der Kinder ist heutzutage ebenso voll wie der von Topmanagern. Aber es gab ja noch die andere ungeputzte Klinke: Kindergärten und Grundschulen.

Als ich frisch in den Beirat der Jury „Kinderspiel des Jahres“ berufen wurde, bekam ich sofort einen Stapel mit Visitenkarten zugeschickt. Und mit denen bewaffnet, wollte ich die Klinken der pädagogischen Einrichtungen in meiner Umgebung zum Scheinen bringen.

In meiner unendlichen Naivität sagte ich mir: „Du hast innerhalb von zwei Tagen zwei Familien zum Spiele-Testen gefunden, und sie küssen dir die Füße dafür. Zwei weitere sind ebenfalls interessiert. Da wird das ja bei den Einrichtungen kein Problem sein.“
Tja...

„Hallo, mein Name ist Christoph Schlewinski. Ich bin Beirat in der Jury ‚Kinderspiel des Jahres‘ und wollte fragen, ob ich in Ihrer Einrichtung alle zwei Wochen neue Spiele mit den Kindern testen könnte. Damit ich einen Überblick bekomme, welche Spiele wirklich preiswürdig sind und welche nicht.“
Das war mein Standardsatz, der in verschiedenen Einrichtungen folgende Reaktionen hervorrief:

  1. „Kinderspiel des Jahres? Noch nie gehört. Was soll das denn sein?“ (Schneller, sichernder Blick meinerseits auf das Schild vor der Tür, ob da wirklich „Kindertagesstätte“ steht und nicht etwa „Metzgerei Schamotzki“.)
  2. Ein langer, langer, langer schweigender Blick mit einem vorwurfsvollen „Ja. Und?“ darin. Darauf wieder mein Satz, dieses Mal etwas stammelnd und unsicher. Der Blick der Leitung geht wieder zur Visitenkarte. Ich glaube, ich ahne, was sie sieht. Keine professionelle Aufmachung, sondern das Wort „Vollidiot“. In bunten Buchstaben, die i-Punkte durch kleine Herzchen ersetzt.
  3. „Wird das jetzt nur ein Mal gemacht mit dem Kinderspiel des Jahres? Oder wie läuft das?“ (Wieder mein Blick vor die Tür. Wieder keine Metzgerei.)
  4. Pädagoge: „Kriegen wir da etwas für?“
    Ich: „Na ja, ich nehme Ihnen die Kinder für zwei bis drei Stunden unentgeltlich ab und beschäftige sie.“
    Pädagoge: „Mhhh ... ich weiß nicht ...“
    Ich: „Sie bekommen auch Spiele von mir geschenkt.“
    Pädagoge: „Ach ja? Na dann... können wir ja mal drüber nachdenken.“

„Sie bekommen auch Spiele von mir geschenkt ...“  Das klingt nach Bestechung! Aber so sollte es doch nicht sein. In den Testfamilien überschüttete man mich mit Dankbarkeit und Kaffee. Aber hier, in den Epizentren der pädagogischen Arbeit, war das „Kinderspiel des Jahres“ vielen überhaupt kein Begriff? Oder es interessierte sie nicht?

So hatte ich mir das alles nicht vorgestellt. Spielen ist essentiell wichtig für Kinder. Das müssen doch auch diese Einrichtungen wissen. Aber sie wussten es eben nicht. Und viele wollten es auch gar nicht wissen. Ich bekam oft das Gefühl, man hatte sich in den Jahren mühevoll drei bis vier einfache Karten- und Brettspiele angeeignet. Das müsste ja wohl reichen. Denn so sah das Spieleangebot oft aus, das ich kurz in den Regalen sehen konnte, bevor man mich herauskomplimentierte: Ein angegrabbeltes „Uno“ und zwei „Obstgarten“, die ebenfalls eindeutig bessere Zeiten gesehen hatten.

Bei den Testfamilien klagte ich mein Leid und erntete viel Mitgefühl und vor allem Empörung über die Reaktionen. Schließlich hatten alle Eltern gesehen, wie viel Spaß diese Testrunden ihren Kindern machten. Und da soll sich keine Einrichtung finden lassen, die das erkennt? Das wäre ja gelacht. Sie wurden aktiv, und durch die Lobbyarbeit meiner Test-Eltern habe ich mittlerweile tolle Einrichtungen gefunden, die begriffen haben, wie wichtig Spiele für Kinder sind, und wie wichtig es ist, dass die Eltern mit eingebunden werden.

Engagierter Kindergarten

So sieht es aus, wenn ein Kindergarten mit Feuer und Flamme beim Thema „Spiel“ dabei ist.

Da hängen große Plakate im Flur, mit Fotos von Testrunden und Kommentaren der Kinder zu den einzelnen Spielen. Da gibt es immer eine Ankündigung „Heute kommt der Spieletester“, damit die Eltern wissen, wer der fremde Onkel ist, der mit ihren Kindern an einem Tisch sitzt. Da gibt es tolle Kinder, tolle interessierte Erwachsene, tolle interessierte Pädagogen, es gibt Kaffee und Wasser, zu Weihnachten selbstgebackene Plätzchen, und ab und zu komme ich mit einer großen, blauen Plastiktüte eines schwedischen Möbelhauses gefüllt mit Spielen vorbei und verschenke sie weiter. Und alle sind glücklich. So muss das sein.

Wenn das hier also jemand lesen sollte, der in einer pädagogischen Einrichtung arbeitet, und irgendwann steht jemand vor der Tür, mit einer Visitenkarte, auf der „Kinderspiel des Jahres“ steht, und gibt folgenden Satz von sich: „Hallo, mein Name ist XXX. Ich bin Beirat in der Jury ‚Kinderspiel des Jahres‘ und wollte fragen, ob ich in Ihrer Einrichtung alle zwei Wochen neue Spiele mit den Kindern testen könnte. Damit ich einen Überblick bekomme, welche Spiele wirklich preiswürdig sind und welche nicht.“ ... lassen Sie ihn / sie rein. Es wird sich lohnen. Auf ganz, ganz vielen verschiedenen Ebenen.

Der beste Lohn

Der beste Lohn, den sich ein Spieletester vorstellen kann.