Glück - Von Yomi und göttlicher Gnade

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Dienstag, 2. August 2016

Glück ist, was passiert, wenn Vorbereitung auf Gelegenheit trifft. (Seneca)

Nein, ich habe nicht wieder in unserem Glücks-Buch geschmökert (wie hier). Oft höre oder lese ich aber Aussagen wie „Ein Glücksspiel“ oder „Strategiespiel ohne Glücksanteile“ und mache mir dann so meine Gedanken, was Glück im Spiel eigentlich zu bedeuten hat. Auf jeden Fall kein Pech in der Liebe, so viel ist klar. Denn es geht eigentlich um den Zufall.

Was macht Zufall im Spiel also aus? Vor allem Karten ziehen und Würfel über den Tisch schleudern. Das sorgt für Spannung, für Ungewissheit, für Varianz jenseits der völligen Kontrolle. Doch Glücksanteile in Spielen mag nicht jeder, wenn es um den harten Wettkampf geht. Die Verlierer beklagen sich, dass sie doch nur aufgrund ungünstiger Zufälle nicht gewinnen konnten.

Würfel

Vier Formen von Glück gibt es für mich:

1. Absolutes Glück: Der Würfel- oder Münzwurf ist frei jeglichen Einflusses und Könnens. Auch höchste Anstrengung verhindert keine Niederlage.

2. Glückstreffer und ihr Gegenteil: Eine Varianz der eigenen Fähigkeiten. Trifft der Basketballspieler nur einmal in fünf Freiwürfen, obwohl er sonst jeden Ball versenkt, fühlt er sich merkwürdig, fast schon schlecht. Zwar ist seine Leistung in diesem Moment einfach nur statistisch unterdurchschnittlich, das kann aber trotzdem ganz schön demoralisieren. Er spricht von „Unglück“, hat es aber auch ganz schnell vergessen, wenn die nächsten hundert Würfe wieder sitzen.

3. Yomi. Das beste Beispiel für diesen schwierigen Begriff aus dem Japanischen ist „Schere-Stein-Papier“. Er bezieht sich darauf, die Gedankengänge und sogar minimale Gesten des Gegners zu lesen, zu verstehen und für sich zu nutzen. Beide Spieler wählen gleichzeitig eine Aktion aus, im Kopf jedes Spielers gehen andere Entscheidungen vor sich. Wer erkennen kann, was sein Gegner tun wird, ist stets im Vorteil. Wer schon mal in einem Spiel so etwas wie „Ich weiß, dass er denkt, ich würde dies und jenes tun, also mache ich etwas ganz anderes“ dachte, der ist tief drin im Yomi. Oder ist es doch eine Art von Zufall? Oder gar Gedankenlesen?

4. Glück mit Zaumzeug: Hier finden wir sie am häufigsten, die Brettspiele. Zwar ist Glück ein Faktor, weil es hilft, im richtigen Moment die passende Karte zu ziehen oder die richtige Augenzahl zu würfeln. Aber gute Spieler planen um dieses Zufallselement herum - und zitieren dann Seneca.

Das ist Varianz in allen Formen und Farben. Es gibt natürlich auch Spiele wie Schach oder Dame, die völlig deterministisch sind. Oder ist es doch Glück, wenn mein Gegner einen perfekten Zug nicht erkennt? Wie wir später noch sehen werden, ist alles eine Frage der Wahrnehmung.

Spielsteine

Glücksfaktoren in Spielen sind psychologisch interessant – und wichtig: Viele Spieler haben vielleicht Probleme damit, Verantwortung für ihre Entscheidungen während der Partie zu übernehmen. Es ist einfacher, das Glück des Gegners oder das eigene Pech verantwortlich zu machen als die eigenen eingeschlagenen Wege. Glück funktioniert dann wie eine Art psychologisches Überdruckventil, das trotz Niederlage für eine positive Spielerfahrung sorgt.

Spiele brauchen genau deswegen solche Zufallselemente. Der Sieger einer Partie kann sich in diesem Sinne nämlich stolz auf die Schulter klopfen und sagen „Ich habe gut gespielt“. Im Umkehrschluss müssten alle Mitspieler dann aber einräumen, offenbar schlecht gespielt zu haben. Während manche damit kein Problem haben, fällt anderen diese Erkenntnis schwerer. Sie können nun argumentieren, an den wichtigen Stellen einfach nur Pech gehabt zu haben, und müssen sich somit nicht schlechter oder gar dümmer fühlen. Es ist eine Frage der Wahrnehmung. Für die Motivation ist das gesünder, weil Spieler trotz Niederlage zurückkehren und wissen: „Beim nächsten Mal habe ich garantiert mehr Glück.“ Kurz: Man fühlt sich besser, wenn man Fortuna verantwortlichen machen kann. Aber man lernt auch nicht dadurch.

Gesellschaftsspiele brauchen dieses Glück, auch wenn die meisten Profi- und Vielspieler es nicht mögen. Kommissar Zufall würzt das Erlebnis. Die Unwägbarkeiten sorgen für Spannung am Tisch. Sie gleichen die Spieler an, weil auch jemand auf der Verliererseite jederzeit die Chance bekommt, wieder aufzuholen. Jüngere oder schwächere Spieler können auch gewinnen und stärkere Spieler ihre Erfahrung beweisen, indem sie akkurat auf Zufälle vorbereitet sind.

Karten

Grundsätzlich lehren uns Glück und Zufall aber auch etwas über das Leben. Ständig sind wir diesen beiden Faktoren unterworfen, ohne es vielleicht zu merken. Peter Lemcke, Spieleexperte und Dozent am SAE-Bildungsinstitut, sagte in einem Deutschlandfunk-Interview im Juli 2015: „(Es gibt) Spiele, in denen wir das üben, was wir nicht verstehen, was wir einer höheren Macht zuordnen. Warum gerade ich? (…) Und um das zu simulieren und uns daran zu gewöhnen, haben wir diese vielfältigen Spiele – von Kugel, Kreisel, Würfel und so weiter – erfunden, in denen das Unerwartete auf uns zukommt und wir uns dem stellen müssen.“

Senet war bereits vor 5000 Jahren für die antiken Ägypter mehr als ein Laufspiel. Es hatte den Charakter eines kultischen Vollzugs, etwas Mystisches. Die Spieler warfen vier Holzstäbe ähnlich wie Bleistifte und lasen anschließend das Ergebnis ab. In diesem Moment fühlten sie sich ihren Göttern extrem nahe, weil sie deren Wirken verspürten: In genau diesem Augenblick war ihnen genau dieses Ergebnis, dieses Schicksal bestimmt. So wie Schamanen und Propheten die Zukunft aus Knöcheln zu lesen versuchten, war es hier als Spiel verpackt. Als ein sehr ernstes. Senet war kein Spaß-Spiel, es war eine absichtlich evozierte Erfahrung göttlicher Gnade.

Glück im Spiel ist für den Menschen auch heute noch mehr als simple Randomisierung. Es schützt vor den psychologischen Konsequenzen der Niederlage und lehrt uns, die Launen des Unerwarteten anzunehmen. Wer dies übt, der geht gelassener und geistig freier durchs Leben.