Bericht über das Spieleautoren-Stipendium 2011

Teil 3: Bericht über das Praktikum in der Spieleburg, Göttingen, 05. – 07. Dezember 2011

Von Janet Kneisel

Es ist kurz vor Weihnachten und daher genau die Zeit, bei der ich mir ausmalte, es sei die beste Zeit für mein Praktikum in der „Spieleburg“ in Göttingen. Und gleich zu Beginn stellte sich heraus, es war eine gute Wahl, denn es herrschte tatsächlich der erhoffte Trubel mit kauf- und beratungswilligen Kunden.
„Die Spieleburg“ ist eines jener Goldstücke, welche man sich für den Ort wünscht, in dem man wohnt: Ein breites Sortiment an Spielen und vor allem eine umfassende Beratung!
Natürlich interessierte ich mich besonders für die Erfahrungen des Inhabers der Spieleburg, Arne Soltendieck, und auch für die Bedürfnisse und Nachfragen der Kunden. Gerne möchte ich nachfolgend beide Seiten näher beleuchten.

Interview mit dem Inhaber der Spieleburg, Arne Soltendieck:

Seit wann gibt es die Spieleburg in Göttingen?
Seit 1995. Von den 15 Spielefachgeschäften, die es damals in der Umgebung gab, gibt es heute zusammen mit mir nur noch drei.

Wie viele Mitarbeiter sind in deinem Geschäft angestellt?
Ich habe zwei Festangestellte, einen Azubi und drei Aushilfen. Besonders im Weihnachtsgeschäft sind wir auf Verstärkung durch Aushilfen angewiesen.

Wie bist du dazu gekommen, ein Spielefachgeschäft zu eröffnen?
Bereits als Kind und Jugendlicher war ich Stammkunde in einem Spieleladen. Während meines Studiums habe ich in einem Spielegeschäft gejobbt und fand es schließlich spannend, selbst ein eigenes Geschäft zu eröffnen. In einem Spielegeschäft hat man die beste Kundschaft, die man sich wünschen kann: Menschen, die einen gewissen Intellekt haben und an Spielen interessiert sind. Dieser Austausch macht Freude!

Wie haben sich dein Sortiment und deine Kundschaft seit Eröffnung des Geschäfts verändert?
Die Spieleburg ist mit mir zusammen gewachsen. 1995 waren meine Hauptkunden Spielefreaks und Studenten im Alter zwischen 16 und 30 Jahren. Damals hat sich mein Geschäft besonders dadurch ausgezeichnet, jegliche Spiele besorgen zu können, selbst Spiele aus USA. Durch das Internet hat sich dies natürlich gänzlich gewandelt.
Heute sind meine Kunden bunt gemischt von Studenten, Familien bis hin zu den Großeltern. Die damaligen Studenten sind heute selbst Familienväter geworden, die nach wie vor in mein Geschäft kommen und sich ihre Spiele, wie z.B. Rollenspiele holen, aber auch für ihre Kinder nach Kinderspielen schauen. Und somit ist mein Geschäft mit der Zeit mitgewachsen und das Sortiment hat sich ebenso gewandelt. Wir führen heute zusätzlich ein breites Sortiment an Kinderspielen und besonderen Spielwaren. Selten sind jedoch Berufstätige hier, da die Besorgung von Spielen und Geschenken meist der Partnerin / dem Partner überlassen wird, der sich hauptsächlich um die Kinder kümmert.
Mittlerweile ist es aufgrund der geringen Margen kaum möglich, ausschließlich von Spielen zu leben. Daher ist die Ausstellungsfläche von Spielen im Vergleich zu 1995 geschrumpft und hochwertige Spielwaren sind hinzugekommen.

Ändert sich das Interesse der Kunden je nach Jahreszeit?
Spiele haben das ganze Jahr über Saison und sind gefragt. Dahingegen ist das Puzzle tatsächlich eher ein Winterartikel und Outdoor-Produkte sind Sommerartikel.

Wie viele Spiele verkauft ihr im Durchschnitt pro Monat und wie häufig wird ein Spiel des Jahres verkauft?
Die Zahlen sind stark vom entsprechenden Monat abhängig, so leistet zum Beispiel das Weihnachtsgeschäft einen erheblichen Beitrag zum Jahresumsatz. Ein Spiel des Jahres wird ca. 160 Mal bei uns pro Jahr verkauft. Bei anderen Spielen, die wir sehr gerne empfehlen, kommen wir auf vergleichbare Zahlen.

Was beeinflusst deiner Erfahrung nach das Kaufverhalten bei Spielen am meisten?
Die Auszeichnung zum Spiel des Jahres wird von der Bevölkerung stark wahrgenommen und dementsprechend verkaufen wir viele Spiele ohne vorgängige Beratung. Die Nominierung zum Spiel des Jahres sowie andere Spielepreise werden hingegen von der breiten Bevölkerungsmasse nicht oder nur kaum beachtet. Diese Auszeichnungen erwähnen wir jedoch bei unseren Beratungsgesprächen, sodass sie dadurch dem Kunden einen zusätzlichen Anreiz bieten. Bei uns im Geschäft steht ganz klar eine gute Beratung im Vordergrund, sodass wir Spiele empfehlen, hinter denen wir auch stehen können. Dies hat zur Folge, dass die Kunden ein wirklich gutes Spiel erhalten, zufrieden sind und gerne wieder zu uns kommen, um sich beraten zu lassen.

Jedes Jahr kommen mehrere Hundert Spiele auf den Markt. Wie behalten du und deine Angestellten dabei den Überblick? Und wie wählst du die Spiele aus, die du in dein Programm aufnimmst?
Einmal wöchentlich machen wir einen Spieleabend, um neue Spiele zu testen. Zudem bietet dies jedem Mitarbeiter die Möglichkeit, die Spiele kennen zu lernen und später dem Kunden erklären zu können. Viele Spiele werden bei uns auch nur angetestet, um dem Kunden das Wesentliche und den besonderen Reiz des Spieles vermitteln zu können. Auf der Spielemesse in Essen und Nürnberg suche ich neue Spiele heraus, die zunächst interessant klingen. Ich bestelle davon jeweils 2-3 Stück. Bekomme ich eine gute Empfehlung, so nehme ich auch solche Spiele mit. Danach geht es dann ans Testen. Die Spiele, die uns gefallen, werden in höherer Stückzahl bestellt und natürlich dem Kunden empfohlen.

Und welche Rolle spielt dabei die Verlagsauswahl?
Leider spielt die Verlagswahl in der heutigen Zeit tatsächlich eine Rolle. Es gibt Verlage, deren Spiele im Internet aus verschiedensten Gründen teilweise preiswerter sind, als der Einkaufspreis für Händler. Von diesen Verlagen picken wir uns nur die Rosinen des Verlagsprogramms heraus, um sie da zu haben, wenn ein Kunde gezielt danach fragt.

Seit wie vielen Jahren ist die Internet-Konkurrenz deutlich spürbar?
Deutlich spürbar ist die Konkurrenz seit 2005. Wie eben erwähnt, gibt es Verlage, die insbesondere Internet-Händlern überaus gute Konditionen anbieten (oder stationären Händlern schlechte Konditionen). Das bedeutet, ich (und andere stationäre Händler) führen diese Produkte nicht mehr in dem Maße, wie wir könnten. Die Abverkäufe des Verlages konzentrieren sich auf wenige große Kunden, bis im Extremfall nicht mehr der Verlag die Preise vorgibt, sondern die wenigen verbliebenen Großkunden den Preis „diktieren“. 

Wie begegnet ihr der Konkurrenz aus dem Internet?
Wir führen ein breites Sortiment an qualitativ hochwertigen Spielwaren, haben ein sehr gut ausgesuchtes Spiele-Sortiment und das Wichtigste ist unsere Beratung. Diese zeichnet uns aus und unterscheidet uns. Wir erklären dem Kunden die Spiele nicht anhand der Schachtel, sondern packen die Spiele aus und bauen sie auf. Dies schätzen die Kunden sehr, da sie das Spiel dadurch direkt anfassen, erleben und ausprobieren können.

Wenn ich in fünf Jahren in dein Geschäft komme, was ist dann anders und was ist gleich und warum?
Es wird weiterhin eine qualitativ hochwertige Beratung geben, Spiele werden stets für den Kunden ausgepackt werden, damit dieser das Material tatsächlich anschauen und erleben kann, und wir werden weiterhin Produkte führen, die sich durch hohe Qualität und ein besonderes Sortiment auszeichnen. Welche weiteren Kriterien noch hinzukommen können, weiß ich nicht. Denkbar wäre, dass eines Tages ausschließlich Waren von deutschen Herstellern im Sortiment wären. Wie das Geschäft ansonsten aussehen wird, kann ich heute noch nicht sagen. Was ich aber sicher weiß ist, dass ich mich gut der Entwicklung der Zeit anpassen kann und die Philosophie der Spieleburg Bestand haben wird. Es ist jedoch eher unwahrscheinlich, dass ich das Geschäft für die nächsten fünf Jahre weiter führen werde. Gerne möchte ich eines Tages die Selbstständigkeit in ein geregeltes Arbeitsverhältnis eintauschen, um am Abend tatsächlich frei zu haben und im Urlaub wirklich abschalten zu können.
 

Und nun zu meinen eigenen Erfahrungen in dieser Woche mit den Kunden:

Während meines Praktikums habe ich insbesondere darauf geachtet, nach welchen Kriterien Kunden Spiele auswählen. Folgende sind mir besonders haften geblieben:

Spiel des Jahres: Direkt vom Kunden gefragt wurde hauptsächlich nach dem Spiel des Jahres, eher selten nach dem Kinderspiel oder Kennerspiel des Jahres. Ein Teil der Kunden hat das Spiel des Jahres unbesehen direkt mitgenommen, andere haben es sich zunächst zeigen und erklären lassen.

Wunschzettel: Ein paar Kunden hielten Wunschzettel für Weihnachten in der Hand und haben die darauf aufgelisteten Spiele unbesehen mitgenommen.

Familienspiel: Von Familien und Großeltern war bei Familienspielen eine einfache Regel wichtigstes Kriterium. Das Spiel sollte unterhalten und nicht allzu kompliziert sein, dies betraf nicht nur eine einfache verständliche Spielanleitung, sondern auch einen einfachen, unterhaltsamen Mechanismus.

Kinderspiele: Bei Kinderspielen wurde nach Empfehlungen jeweils für ein bestimmtes Alter gefragt. Hinzu kamen teilweise weitere Wünsche wie z. B. das Spiel soll auch Erwachsenen Spaß machen, ein Spiel mit Memoanteil, ein Spiel mit Formen und Farben.

Strategie-Spiel: Die Kunden für Strategie-Spiele waren hauptsächlich im Studentenalter. Dann sollten es auch komplexere Spiele sein, die länger dauern durften. Die Beratung für diese Kunden war sehr intensiv und dauerte häufig bis zu einer Stunde.

Zwei-Personen-Spiel: Die Nachfrage nach guten Zwei-Personen-Spielen kam, zumindest für mich, erstaunlich oft! Als einzelne Person, aber häufig auch als Paar wünschte man sich eine Beratung zu passenden Spielen. Denn nur zu oft war man bisher von Spielen enttäuscht worden, die zu zweit einfach nicht wirklich Spaß machten.

Spiele für zwei bis sechs Personen: Solche Spiele wurden angefragt für Familientreffen oder für den Ski-Urlaub. Wichtig war die einfache Regel, aber das Spiel selbst sollte durchaus einen gewissen Anspruch haben. Kartenspiele standen auf dieser Hit-Liste ganz oben.

Party-Spiele: Hier waren Spiele mit hohem Spaß Faktor gesucht, die mit bis zu zehn Personen gespielt werden können.

Insgesamt hat mir die Beratung von Kunden sehr viel Spaß gemacht. Schön war auch, dass häufig die Rückmeldung kam, dass die Kunden die gute Beratung in der Spieleburg schätzen und daher gerne dort hinkommen. Beeindruckend war hierbei Arnes unerschöpflich scheinendes Gedächtnis. Egal nach welchem Spiel gefragt wurde oder wie alt dieses war: Arne konnte Auskunft geben über den Spielinhalt und Mechanismus sowie über Vertriebswege. Auch sein Team war erstaunlich gut darin, Rätsel zu raten, da mache Kunden sich nur an einen Begriff aus einem Spiel erinnerten oder an ein bestimmtes Spielmaterial, aber ansonsten keine weiteren Informationen besaßen.

 
Reinhold Wittig

Ausstellung „Tiere und andere Tiere“ von Reinhold Wittig

Eine Ausstellung der ganz besonderen Art möchte ich jedem wärmstens empfehlen, der bis Ende Januar 2012 nach Göttingen kommt. Und vielleicht habt auch ihr das große Glück wie ich, von Reinhold Wittig persönlich durch die Ausstellung geführt zu werden. Zahlreiche Klangobjekte, die fein ausgetüftelte Spielereien und Klänge bereithalten, animieren die Besucher zum Ausprobieren und Staunen.

Hier und da ist freudiges, erstauntes Auflachen zu hören sowie Murmeln, die munter durch die Klangobjekte hüpfen. Über allem kreisen Tiere der besonderen Art und scheinen die Besucher neugierig zu beobachten: die sogenannten Marionetten-Tiere. Vom Warzenschwein bis zum Roboter ist eine bunte Vielfalt vertreten, die besonders erstaunt, wenn man die verwendeten Materialien eingehender betrachtet: Altes Werkzeug wird mit einem Mal zu Kunst und erhält ein gänzlich neu anmutendes Gesicht. Viele der Ausstellungsobjekte besitzen weitere Raffinessen, so lässt sich bei der Nashorn-Marionette das Schwänzchen bewegen und andere Marionetten machen spezielle Geräusche. Für Jung und Alt eine lohnende Entdeckungsreise!
Näheres unter http://perlhuhn.de/termine.html; Galerie "Alte Feuerwache", Am Ritterplan 4, Göttingen.

Gedanken zum Schluss

Die sinkende Zahl an Spielefachgeschäften stimmt mich nachdenklich und betrübt. Wird die nächste Generation nur noch über Internet einkaufen? Sicherlich, die Bestellung über Internet ist einfach und bequem, Informationen können schnell abgefragt werden, das Sortiment ist unbegrenzt. Doch denke ich, wir sollten alle etwas zum Erhalt von speziellen Geschäften beitragen, sei es das Spielefachgeschäft oder der kleine Buchladen, die sich durch besonderes Flair und gute Beratung auszeichnen. Wenn jeder zumindest einen Teil dazu beiträgt, diese Werte zu erhalten, werden sich auch unsere Kinder und Enkel noch daran erfreuen können.

Ein herzliches Dankeschön an Arne und sein Team für die interessanten Einblicke und Gespräche! Auch ein herzliches Dankeschön an Reinhold für die spannende Führung durch seine Ausstellung und den netten Spieleabend!

Janet Kneisel

Zu Teil 1: SpieleErfinderStudio Jens-Peter Schliemann
Zu Teil 2: Schmidt Spiele, Berlin
Zu Teil 4: Verlag Ravensburger, Ravensburg 
Zu Teil 5: Spieleautorentagung Weilburg