Bericht über das Spieleautoren-Stipendium 2010

Teil 4: Bericht über das Praktikum im SpieleErfinderStudio von Jens-Peter Schliemann in Köln (Oktober 2010 und April 2011)

Als ich mich im April 2011 erneut in Köln-Mitte einfand, um Jens-Peter Schliemann in seinem Studio zu besuchen, fiel mir gleich die neue Schaufensterdekoration auf. Anfang des Jahres ist das Spiel „Das große Kullern“, das Jens-Peter zusammen mit Bernhard Weber entwickelt hat, beim Ravensburger Verlag erschienen. Bei diesem Spiel war es
für mich spannend, dass ich den Weg zum Teil mit verfolgen konnte. Bereits bei meinem Aufenthalt im Oktober 2010 dufte ich mir bei einem Besuch bei Bernhard Weber in Bonn den Prototypen ansehen und erfuhr so einiges über die Entstehungsgeschichte. Bei diesem Prototypen bestehen sowohl die Basis als auch die Führungsschienen der Kugelbahnen aus Pappe. Diese Pappe ließen die beiden Autoren extra dafür mit einem Laserschnitt anfertigen um eine Passgenauigkeit zu erzielen. Denn schließlich sollen die Kugeln den Hang zwar überraschend hinunterrollen, aber dennoch in der Wahrscheinlichkeit ausgewogen ihre Ziele erreichen. Im produzierten Spiel ist die schiefe Ebene der Kugelbahn durch eine Tiefziehform gelöst und aus den Mäusen wurden Murmeltiere, die die Kugeln ins Rollen bringen. Bei meinem Stipendiumsaufenthalt bei Ravensburger sah ich bereits Andrucke der Spieleschachteln, den dicken Aktenordner, der allein Unterlagen zum Spiel „Das große Kullern“ enthielt und erfuhr auch dort so einige Kriterien, die bei der Umsetzung bedacht werden müssen.

(Bild: "Das große Kullern" von Ravensburger, rechts der Prototyp)

Es war einfach toll, den Weg eines Spieles von verschiedenen Seiten so mitzubekommen! Wichtig war für mich auch, mehr Gefühl für Zeitspannen zu bekommen, wie lange einzelne Phasen im Entstehungsprozess dauern können.
Dies unterstützte der geteilte Aufenthalt bei Jens Peter auch noch einmal. Bereits im Herbst erzählte Jens-Peter mir einiges zur Umsetzung von „Vampire der Nacht“, und die vielen immer wieder überarbeiteten Einsätze für die Schachtel beeindruckten mich. Das bereits zweite Dunkelspiel, das er mit Kirsten Becker entwickelte, wurde natürlich auch im Dunkeln gleich ausprobiert. Da noch Freunde aus Osnabrück im SpieleErfinderStudio vorbei kamen, konnten wir es auch mit Kindern ausprobieren.

 

 

 

Zurück zum Schaufenster von Jens-Peter. Neu ist auch ein Schild, auf dem er sich als Autor kurz vorstellt mit einer Ludografie von seinen bisher 19 Veröffentlichungen und über 400.000 verkauften Spielen. Am Schaufenster bleiben auch immer wieder Passanten stehen und sehen interessiert hinein. Im Studio hört man dann auch Gesprächsfetzen wie „Ah, so sah das Spiel vorher aus und so ist es fertig“ oder „Und einen Preis hat er auch gewonnen“ oder „Und da ist ein Comic, ach nee, das ist die Spielregel!“ Und wenn die Tür offen steht, kommen Leute auch hinein, manchmal geht Jens-Peter hinaus und spricht Neugierige an, oder Jens-Peter verlagert seinen Arbeitsplatz auch mal auf den Bürgersteig. So haben sich schon öfter nette Gespräche oder Kontakte ergeben. Ja, das ist wirklich Öffentlichkeitsarbeit! 
Material und Herstellung ist für mich natürlich immer ein Thema und so stöberten wir in einem Laden für Künstlerbedarf gleich um die Ecke oder kneteten Fimofiguren für einen Prototypen.

 

 

 

(Bild: Verschiedene Schachteleinsätze beim Prototypen von "Vampire der Nacht")

Bei seiner Entwicklung von Spielen bevorzugt Jens-Peter die Kooperation mit anderen Autoren, derzeit fährt er dafür von Berlin bis Wien. Im Herbst durfte ich, wie gesagt, Bernhard Weber aus Bonn kennen lernen. Mit ihm testeten wir zusammen noch zwei Spiele in der Entwicklung und probierten auch ein Spiel von mir aus. Zu meinem Spiel erhielt ich den Tipp, die Gestaltung noch mehr aus einem Guss vorzunehmen. Im Studio bekam Jens-Peter noch Besuch von Heinrich Gumpler aus Köln, und ich konnte an einem Brainstorming für ein neues Projekt teilnehmen. Seit etwa einem Jahr trifft sich Jens-Peter auch mit zwei Mathelehrern, mit denen er ein Mathespiel plant. Da passte es diesmal gut, dass ich ein Mathespiel dabei hatte, und wir diskutierten darüber, wie tatsächliche Mathematik im Spiel gelernt werden könnte. Das stellt sich allerdings ziemlich schwierig dar!
Auch mit Vertretern der Wirtschaft trifft sich Jens-Peter derzeit regelmäßig, um ein Wirtschaftspiel zu entwickeln. Dazu hat er einen Auftrag im Rahmen des Projekts „JUNIOR-Kompakt“ vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln erhalten, das siebte bis zehnte Klassen in Haupt- und Realschulen ansprechen soll. Wie gelingt es nun, die Herstellung und Vermarktung eines Produkts in Form eines kleinen Unternehmens in einem 60minütigen Brettspiel unterzubringen und zu verdeutlichen? Das scheint mir keine leichte Aufgabe zu sein! 
Zwei von Jens-Peters Spielen sind ebenfalls Auftragsarbeiten, und als Autor muss man sich die Frage stellen: Liegt mir das Thema und schaffe ich es zu einem bestimmten Termin, das Spiel fertig zu stellen? Nun, da jeder seine eigene Arbeitsweise finden muss, kann dies auch immer nur eine individuelle Antwort sein. 
Gespielt haben wir natürlich auch zwischendurch: „Fire and Ice“, „Auf Zack!!“, „Piranha Pedro“, „Burg Appenzell“, „Loop“ und…
In der Zeit bei Jens-Peter war es für mich sehr hilfreich einem erfahrenen Spielautor über die Schulter blicken zu können, seine Arbeitsweise kennen zu lernen und viel von seinen Erfahrungen zu hören. Ich freue mich, dass ich diese Gelegenheit hatte! 

Vielen Dank an dich, Jens-Peter!

Teil 1: Praktikum beim Verlag Haba
Teil 2: Praktikum beim Verlag Ravensburger
Teil 3: Praktikum im Spielefachgeschäft Spieltraum, Osnabrück