Bericht über das Spieleautoren-Stipendium 2010

Teil 3: Bericht über das Praktikum im Fachhandel: Spieltraum Osnabrück

Von Karin Hetling

Diesen Teil meines Stipendiums, das Praktikum im Spieleladen, wollte ich gern in der Vorweihnachtszeit durchführen. Zum Glück in diesem schneereichen Dezember hatte ich die Möglichkeit direkt vor Ort: im “Spieltraum“ in Osnabrück.
Der „Spieltraum“ ist das einzige Spielefachgeschäft in Osnabrück; die Inhaber sind Malte Kiesel und Carsten Liebnau. Für den Brettspielbereich im Erdgeschoss ist Malte und für den Rollenspiel- und Tabletopbereich im 1. Stock Carsten zuständig. 
Mein Praktikum machte ich im Erdgeschoss.

An meinem ersten Tag war es noch etwas ruhiger, so dass ich mich im Laden orientieren konnte - wo steht was? Es gibt den Mitbringspielbereich, Kinderspiele, Spiele nach Verlagen sortiert, Puzzle, Holzspiele, Partyspiele, Spielzubehör, die „Testecke“ mit Tisch und offenen Schachteln – um nur das Wichtigste zu nennen. In der Testecke finden regelmäßig offene Spielabende statt.
Am ersten Tag erklärte Malte mir auch die Kasse und das Auszeichnen neuer Ware.

 
Malte an der Kasse (links) und Neue Ware wird ausgezeichnet (rechts)

Täglich trafen stapelweise neue Anlieferungen ein, die es auszupacken galt, zu inventarisieren, auszuzeichnen und ins Lager oder Regal einzusortieren. Die Lagerarbeit übernahm meistens Leon, ein Schüler, der sich bereits bestens im Laden auskennt.
Spielebestellungen werden je nach Menge und Versandbedingungen mal direkt bei dem Verlag, mal beim Großhändler gemacht. Schwierig war in diesem Jahr die Beschaffung der Erweiterung „Blütezeit“ zu Dominion, da der Hans im Glück-Verlag dieses Spiel exklusiv an die Metro-Gruppe vetreibt. Der „kleine“ Fachhändler erhält das Spiel nicht. Ich finde diese Handhabung nicht gut, denn was wäre die Spielbranche ohne den Fachhändler mit seiner Erfahrung und Spielkenntnis und auch der Fähigkeit, Kunden Spiele zu erklären?

(Bild: Ein Teil des Verkaufsraums)

Während meines Praktikums war ich immer wieder erstaunt, wie viele Spiele Malte kennt und erklären kann! Auch Friedhelm, der im Weihnachtsgeschäft half, und selbst Ladenbesitzer gewesen war, konnte Auskunft geben zu Spielen von vor zehn oder 20 Jahren!
Aber da derzeit jährlich 600 neue Spiele auf den Markt kommen, heißt es auch für den Fachhändler auswählen, was er in sein Sortiment nimmt. 
In der Weihnachtszeit war der Laden natürlich immer gut mit Kundschaft gefüllt und so konnte auch ich mich in der Kundenberatung üben. Vorweg muss ich erst mal betonen, dass die Kunden im Spielegeschäft auch in der Weihnachtszeit durchweg freundlich waren und keiner ungeduldig oder genervt war, wenn es einmal an der Kasse oder beim Einpacken länger dauerte.

Im Vorfeld hatte ich mich gefragt, was die Kunden überhaupt wünschen: Wonach wird gesucht? Und wonach wählen die Kunden aus? Nun, die meisten suchten ein Familienspiel für Groß und Klein, das nicht zu lange dauert, das einfache Regeln hat und etwas Action und Spaß bietet. Da findet sich ja schon einiges. Und bemerkenswert ist, dass eben doch in vielen Familien gespielt wird! - Schwieriger wird es dann ein Spiel zu empfehlen, wenn auch schon Fünfjährige mitspielen sollen und gleichzeitig das Spiel auch zu zweit spielbar sein soll.
Am liebsten habe ich natürlich Spiele empfohlen, die ich selbst kenne und gut finde! Bei gezieltem Nachfragen, welche Spiele sonst gespielt werden, kann man schon gut ausloten, ob man gegebenenfalls auch „Die Tore der Welt“ (Sonderpreis "Spiel des Jahres plus") empfehlen kann oder lieber ein einfacheres Spiel für Gelegenheitsspieler. Viele erkundigten sich auch nach dem Spiel des Jahres und so habe ich „Dixit“ mindestens 20 Mal erklärt.

Natürlich wurden auch gezielt Kinderspiele gesucht. Oder auch Spiele für ältere Menschen. Hier, muss ich sagen, hat die Branche noch Nachholbedarf - oder man weiß sich selbst zu helfen: Eine Kundin kaufte Riesenpöppel in 3 Farben, je 15 Stück. Jetzt heißt es scharf überlegen, zu welchem Spiel wird es eine Riesenausgabe geben? Richtig: zu Halma!
Auch den bekannten Satz „Das ist ja so wie Siedler“ hörte ich einige Male. Anfangs habe ich immer protestiert und versucht, die Unterschiede zu erklären. Aber manchmal habe ich mich gefragt, wenn noch nicht so viele Spiele bekannt sind, ist vielleicht einfach der „Spieltyp“ gemeint? Ein Spiel mit mehr Optionen und mehr Material als nur einem Würfel? 
Manche Kunden suchten auch ein ganz bestimmtes Spiel, dessen Name ihnen gerade nicht einfiel. Zu „das ist so ein Kartenspiel mit Zahlen drauf“ fiel uns dann zwar jede Menge ein, aber erst mit ein paar mehr Informationen fand dann mindestens einer, meistens natürlich Malte, das Gesuchte.

 
Neue Ware (links) und Noch mehr neue Ware (rechts)

Geschenke einzupacken gehörte natürlich auch dazu. Nach einiger Übung ging es recht schnell und machte mir richtig Spaß. Nur spezielle Schachteln, z.B. die achteckige Schachtel von „Blokus Trigon“, stellten dann wieder eine Herausforderung dar. Und wie gesagt, es gab nur nette Kunden, und so packten wir das Spiel gemeinsam ein.
Je näher Weihnachten rückte, desto gezielter wurden die Kundenwünsche und mit einem „Ja, nehme ich“ waren sie schon halb wieder aus dem Laden. Aber es gab auch die Unentschlossenen und Verzweifelten, die keine Vorstellung hatten, welche Art Spiel sie überhaupt suchten, trotzdem unbedingt noch ein Geschenk benötigten. Da spielten dann nicht nur Preis und Empfehlung eine Rolle, das Spiel wurde leider manchmal nebensächlich, wichtiger waren Schachtelgröße, Cover oder ein viel versprechender Titel.

Insgesamt hatte ich eine spannende und intensive Zeit, und gerade durch das Weihnachtsgeschäft habe ich ganz viele Kunden und ihre Fragen und Wünsche erlebt, wozu ich zu einer anderen Jahreszeit wahrscheinlich Wochen gebraucht hätte. Und zum Glück ist der Spielmarkt so vielseitig wie die Kundenwünsche, aber spezielle Fragen inspirieren vielleicht auch zu neuen Spielen…

Vielen, vielen Dank noch mal an Malte und Team für die interessante Zeit, dass ich eine Woche lang alles erleben und ausprobieren durfte, was zur Ladenarbeit dazu gehört!

Teil 1: Praktikum beim Verlag Haba
Teil 2: Praktikum beim Verlag Ravensburger
Teil 4: Praktikum im SpieleErfinderStudio von Jens-Peter Schliemann, Köln