Bericht über das Spieleautoren-Stipendium 2010

Teil 1:  Bericht über das Praktikum beim Verlag Haba, Bad Rodach

Von Karin Hetling

Gespannt und neugierig betrat ich am Montagmorgen das Gebäude der Firma Haba in Bad Rodach. Der kleine Ort in der Nähe von Coburg hat nur 5000 Einwohner. Daher überrascht die Firmengröße von Haba mit über 1900 Mitarbeitern. HABA begann 1938 als „Fabrik für feine Holzspielwaren“, und heute gehören zum immer noch familiengeführten Unternehmen auch die Firmen Jakoo und Wehrfritz.
Empfangen wurde ich vom Spieleredakteur Markus Nikisch, der mich sogleich mit in die Spieleredaktion nahm. Dort war ich in meiner Praktikumswoche hauptsächlich, aber zwischendurch hatte Markus immer wieder Termine in anderen Abteilungen (Grafik, Export, Spielzeugdesign) organisiert. So habe ich sehr viel Interessantes rund ums Spiel erfahren!

In der Spieleredaktion arbeiten sechs Redakteure aus verschiedenen Berufsgruppen (Pädagogen, Grafiker und Designer), die sich in der redaktionellen Arbeit sehr gut ergänzen. Die Spieleredaktion befindet sich in einem Teil eines Großraumbüros, angrenzend finden sich die Abteilungen, mit denen eine enge Zusammenarbeit erfolgt.

(Bild: Eingang Firmengebäude)

 

Werksführung

An meinem ersten Tag erhielt ich auch eine Einzelführung durch das Werk. Neben den verschiedenen Abteilungen und Fertigungsbereichen war für mich der Weg vom Baumstamm zur Spielfigur besonders spannend. Grundsätzlich wird zwischen Fräsfiguren und Drehfiguren unterschieden. Zweidimensionale Fräsfiguren entstehen aus einer Profilholzleiste und sind natürlich kostengünstiger als die dreidimensionalen Drehfiguren, wo der zeitliche und maschinelle Aufwand höher ist.
Anschließend erfolgt die Farblackierung.

Diese Oberfläche kann mittels verschiedener Druckverfahren (Stempeldruck, Siebdruck, Thermodruck, Prägedruck, Digitaldruck) weiter gestaltet werden. Von einer zusätzlich aufgedruckten Farbe bis hin zum aufgedruckten Bild ist alles möglich. 
Die von Haba selbst angefertigten Spiele erhalten neuerdings auf der Schachtel den Vermerk „Made in Germany“.

(Bild: Profilholzleiste zu DIEGO DRACHENZAHN)

Spieletests

Ein zentraler Punkt in dieser Woche waren für mich natürlich die Spieletests in der Spieleredaktion. Das war sehr spannend und zugleich informativ!
Zum Teil habe ich es dann auch übernommen, die Spielregel vorab zu lesen und das Spiel vorzubereiten. Das zeigt mir mal wieder, wie wichtig es ist, eine gut verständliche Regel zu schreiben, die keine Fragen offen lässt.

In den verschiedenen Tests haben wir dann auch gleich Varianten eingebaut oder die Spieleranzahl variiert. Anschließend landete ein Spiel in der Vorauswahl in einer der Kategorien Karten-, Mini-, Mitbring-, Groß- oder Lernspiel - oder eben auch nicht. 
Haba erhält im Jahr etwa 600 bis 700 Prototypen, und so es ist wichtig, dass auf der Schachtel der Name des Autors steht und möglichst das ganze Spielmaterial auch in einer Schachtel untergebracht ist. Zusätzlich wird aber auch ein Eingangsordner von Spielideen geführt, der nach zeitlichem Eingang abgearbeitet wird.
Auch für meine Spiele ergab sich eine Gelegenheit zum Testen. Zu einem Spiel machten wir uns Gedanken zu verschiedenen Möglichkeiten der Zeitmessung und ich konnte in der büroeigenen, super ausgestatteten Werkstatt gleich etwas herstellen.

Zu einem weiteren sehr materialintensiven Spiel stellten wir eine Kalkulation auf, und mein Spiel lag etwa 50% über den Herstellungskosten, die es kosten dürfte. Bislang hatte ich keine Vorstellung, was denn nun eine Holzfigur eigentlich kostet, was Pappe kostet und natürlich welche Kosten (Verpackung, Illustrator, Werkzeugkosten...) noch berücksichtigt werden müssen. Für mein Spiel heißt es jetzt umplanen…und für zukünftige Spiele habe ich eine bessere Vorstellung, was machbar ist.
Im Vorfeld hatte ich mir auch viele Gedanken über die Themen- und Titelfindung gemacht; dazu erfuhr ich, dass etwa 70% der eingesandten Spielideen in der redaktionellen Bearbeitung ein neues Thema und einen neuen Titel erhalten. Also sollte man sich nicht davon abhalten lassen einen Spielvorschlag einzusenden, obwohl man mit dem Titel noch nicht zufrieden ist. Im Anschreiben können dann in der Fußzeile z.B. mehrere Titelvorschläge genannt werden.

(Bild: Testrunde (von links): Markus Nikisch, Miriam Lents, Karin Hetling, Kristin Mückel und Christiane Hüpper (Foto: Imke Krämer))

Verpackungsdesign

Auch bei Besprechungen mit der Grafikabteilung konnte ich dabei sein bzw. erhielt ich eine Extra-Einführung in die Materie. Es kostet viele Gedanken und Arbeit, die zu einer stimmigen Verpackung in Schrift, Farbe und Illustration führen. So kennt wohl jeder die typisch gelbe Schachtel für Haba. Die Lernspiele haben zusätzlich eine blaue Welle auf der Verpackung.
In dieser Abteilung werden aber nicht nur Verpackungen für die Brettspiele, sondern auch für sämtliche andere Produkte von Haba entworfen.
Zu Spielen gibt es auch manchmal thematisch passende Verpackungen, z.B. einen Eierkarton für das Spiel „Eiertanz“ oder innovative Verpackungen wie Flasche, Dosen oder Schatzkisten. Vorschläge von Autoren zu einer thematisch passenden Verpackung für das eigene Spiel sind willkommen.

Export

Spannend war auch der Einblick in den Exportbereich der Marketingabteilung. Da die Brettspiele (natürlich nicht nur die) in viele Länder der Welt exportiert werden, beinhaltet das Spielmaterial normalerweise keine Schrift. Die Spielregel wird sowieso gleich in Englisch, Französisch und Niederländisch übersetzt. Einmal ist sogar ein Titel erhalten geblieben. „Socken zocken“ heißt in Amerika genauso! Die Verpackung wird dann speziell für jedes Land angefertigt.

Produktdesign

Im Laufe der Woche ergab sich für mich auch die Gelegenheit einen Blick über die Schultern der Spielzeugdesigner zu werfen und ich konnte sehen, wie Produkte geplant, entstehen und geprüft werden.
Einen hohen Stellenwert hat die Qualitätsprüfung, der sich 500 Produkte jährlich unterziehen müssen. Dazu gibt es beispielsweise Schablonen, durch die bestimmte Spielzeugteile nicht hindurch passen dürfen, um die Verschluckungsgefahr zu vermeiden. Spielzeug und Brettspiele für Kleinkinder müssen einer Menge von Tests standhalten und werden dahingehend immer wieder überprüft und angepasst.

Archiv

Zum Abschluss der Woche erhielt ich noch die Möglichkeit ausführlich in das Archiv aller produzierten Brettspiele von Haba zu sehen. Markus Nikisch erzählte viele spannende Anekdoten zu der Entstehungsgeschichte von den Spielen. Auch die Prototypen zu den Spielen werden hier aufbewahrt, die Lösungen in der Umsetzung vom Prototyp zum Spiel haben mich besonders begeistert. Das Spiel „Kayanak“ bestand als Prototyp z.B. aus mehreren ineinander gesetzten Schachteln und hat heute einen Einlegeboden.
Das Spiel „Kleine Spurensucher“ bestand ursprünglich nur aus einfarbigen Quadraten und hat jetzt das sehr passende Thema der Tierspuren.

Im Spiel „Polizeialarm“ galt es, eine Magnetverbindung zu finden, die auch der heutigen Magnetverordnung entspricht, und für das Spiel „Trötofant“ fand sich schließlich ein Aufzuggetriebe, das auch ohne Batterie funktioniert. Denn Spiele mit Verbrauchsmaterialien haben es im Handel schwerer! Aber auch bei hygienischen Bedenken, z.B. beim Einsatz von Mundstücken, zögern schon die Händler.
So wurde noch der ein oder andere Schachteldeckel gehoben und Interessantes entdeckt und gehört, und die Zeit verflog mal wieder im Flug. 

Abschließend bleibt mir nur zu sagen, dass ich eine wunderbare Woche hatte mit vielen Informationen, Blicken hinter die Kulissen und natürlich mit vielen Spielen… Denn in der Mittagspause oder am Abend wurde fleißig weiter gespielt.
Vielen vielen Dank noch mal an alle, die mir diese Woche ermöglicht haben und insbesondere natürlich an das gesamte Team der Spieleredaktion von Haba!

Teil 2: Praktikum beim Verlag Ravensburger
Teil 3: Praktikum im Spielefachgeschäft Spieltraum, Osnabrück 
Teil 4: Praktikum im SpieleErfinderStudio von Jens-Peter Schliemann, Köln