Bericht über das Spieleautoren-Stipendium 2008, Teil 3

Im SpieleErfinderStudio von Jens-Peter Schliemann, Köln  

Von Uwe Martin

5. Mai 2009 in Köln bei Jens-Peter Schliemann 

„Köln-Mitte" steht über dem Schaufenster, in dem Mäuse und Zauberer zwischen Spielekartons herumwuseln. Ich stehe vor Jens-Peters (J.P.) SpieleErfinderStudio. Es ist der erste Tag meines Praktikums in Köln. Nach ein paar Worten zur Begrüßung sind wir schnell beim Thema Spiel und ich berichte von meinen sehr positiven Erfahrungen bei Ravensburger und bei Hans im Glück. J.P. ist seit 15 Jahren als Autor in der Spieleszene unterwegs, und ich freue mich, dass ich bei meinen Erzählungen vom Ravensburger Verlag auch ein paar für ihn interessante Neuigkeiten berichten kann. Ich habe einfach viele Zusammenhänge in dem Zusammenspiel zwischen Spieleautor, Spieleredakteur, Produktentwicklung, Marketing und Vertrieb bei der Entwicklung des Produktes „Spiel" kennen gelernt, die mich in meinem Umgang mit Spielen sehr beschäftigen. 

Zuerst stellt mir J.P. sein neues Dunkelspiel vor, das im Herbst beim „Drei Magier"-Verlag erscheinen wird. Ein toller neuer Mechanismus und sehr viel weniger Spielmaterial sollen das Spiel zu einem hoffentlich erfolgreichen Nachfolger von „Nacht der Magier" werden lassen. Danach zeigt er sein neues Lizenzspiel „Willi und die Wunder dieser Welt" und wir unterhalten uns über seine Erfahrungen, die er mit Lizenzspielen gesammelt hat.

(Bild: Die Nacht der Magier im Atelierfenster des SpieleErfinderStudios von Jens-Peter Schliemann)

Am Nachmittag haben wir bei Michail Antonow, einem Kooperationspartner von J.P. einen Probespieltermin vereinbart, an dem ich mein „Stratoo!!" vorstellen will. Zuerst spielen wir jedoch eine Gemeinschaftsentwicklung von J.P. und Michail. „Fan Fan" ist ein 2 Personen Strategiespiel das mir sehr gefällt. Die beiden berichten von den Schwierigkeiten für solche abstrakten Spiele einen Verlag zu finden. Für mein „Stratoo!!" erhalte ich noch ein paar gute Anregungen, und den Abend verbringen wir mit dem Testen eines Spiels von Michail. Er hat sieben Versionen entwickelt, die auf einem einfachen Grundprinzip aufbauen, und wir spielen die  verschiedenen Versionen durch. Dabei lassen sich die unterschiedlichen Atmosphären, die durch die kleinen Regeländerungen entstehen, gut beschreiben. Einige Spielversionen haben einen kämpferischen Charakter, und man fühlt sich etwas unwohl in der Rolle dessen, der seine Mitspieler platt machen soll. Hier steht das Gegeneinander im Spiel mehr im Vordergrund. Andere Versionen haben ein Bluffmoment das zu einem größeren Unterhaltungswert im Spiel führt.  Es überwiegt hier der Eindruck  eines spielerischen Miteinanders. Auch hier geht es darum, gegen den Mitspieler zu gewinnen; aber die eingesetzten spielerischen Mittel, List und  Bluff, sprechen eine andere Kommunikationsebene an als das Direkte in der kämpferischen Version. Das Spiel ist von seinem Mechanismus her interessant und variantenreich.  Es hat eine relativ kurze Spieldauer, so dass wir auch noch spontane Regeländerungen ausprobieren und um 1:00 Uhr den Probespielabend mit einem guten Gefühl und einigen Anregungen zur Weiterentwicklung beenden. 

Am nächsten Tag erhalte ich eine kleine Vorlesung über endliche geometrische Darstellung in der Mathematik anhand des Spiels „Fire & Ice" von J.P. Ich muss gestehen, dass ich den mathematischen Gedankengängen nur begrenzt folgen kann. Das Spiel fasziniert durch Einfachheit und Klarheit. Das Regelwerk ist in einer Minute erklärt und erreicht nach den ersten 15 Zügen eine Spieltiefe, die ich nicht erwartet hätte. Einige Züge später muss ich meine Niederlage erkennen. Das Spiel muss ich unbedingt für meine Jungs mitnehmen und zuhause ein bisschen üben. J.P. hat noch eine neue Regelvariante von Michail Antonow bekommen, mit der das Spiel auch funktionieren müsste. Wir versuchen die neue Variante und sind beide begeistert, weil sich das Spiel mit der neuen Regel zumindest beim ersten Versuch noch dynamischer spielen lässt. 

Für den Rest des Tages hat J.P. ein Treffen mit seinem Kooperationspartner Bernhard Weber in Bonn verabredet. Bei Bernhard bekomme ich einen Prototypen für Kinder vorgestellt. Das Konzept ist schon sehr durchgearbeitet und wird bereits in enger Zusammenarbeit mit einem Verlag  zur Produktionsreife gebracht. Es gibt noch einige technische Details zu klären, Tiefziehteile  und akustische Momente, die im Spiel eine Rolle spielen, müssen diskutiert und abgestimmt werden, und die beiden Autoren sind vom Verlag aufgefordert, das Themenbrainstorming des Verlags zu kommentieren und noch eigene Ideen zur Spielstory zu entwickeln. Hierbei kann ich meine Erfahrungen zum Themenbrainstorming bei den Ravensburgern einbringen, und wir finden einige sehr schöne Vorschläge, die zur neuartigen Spielidee passen. 

Am Freitag stellt mir Jens-Peter ein Spiel aus seiner Kooperation mit Maren Kruse vor. Ein von den Beiden entwickeltes „Max und Moritz"-Legespiel inspiriert zu neuen Ideen für Bilderbücher für Kinder im Vorlesealter. Wir reden über J.P.s Idee, dass die Spielregeln mehr ins Spiel integriert werden müssten und als Teil des Spiels bereits sehr früh im Entwicklungsprozess eine Rolle spielen sollten. Bei vielen Verlagen steht die Regelausarbeitung immer noch am Ende des Entwicklungsprozesses und kann dann schnell den Charakter einer Bedienungsanleitung  annehmen. Welche Möglichkeiten bestehen, mit der Spielregel kreativ umzugehen, zeigt mir J.P. bei seinen Spielen „Piranha Pedro" und  „Nacht der Magier". Auch für mich ist die Ausarbeitung der Spielregel ein wichtiger und kreativer Moment, der mir bei der Spielentwicklung sehr wichtig erscheint. Die gestalterischen Möglichkeiten und die Möglichkeit, die Spielgeschichte (Dramaturgie und Atmosphäre) bereits in der Spielregel einzuführen, führen meiner Meinung nach zu einem größeren Spielspaß.

(Bild: Spiele testen mit Jens-Peter Schliemann)

Nach unserer Diskussion zeige ich J.P. meine neue Spielentwicklung. Es handelt sich um ein Legespiel zum Thema Sternbilder. Zur Zeit habe ich bei diesem Spiel eine echte Blockade, und ich bin froh, in unserem Gespräch ein paar hilfreiche Anregungen zu bekommen, in welche Richtung ich weiterentwickeln  könnte. Am Nachmittag lerne ich Tom Laroche kennen, einen weiteren Kooperationspartner, mit dem J.P. das Spiel „New York 1921" zum Thema Mafia und Spitzel entwickelt. Zuerst spielen wir jedoch eine Proberunde meiner „Räuberbande". Wir diskutieren die Möglichkeiten, die in der Gestaltung des Spielbretts stecken und ich entdecke, dass sich in meinem Spiel noch einiges an Potential verbirgt. Räuberbande ist ein traditionelles Laufspiel mit einem symmetrischen Spielaufbau. Ein dynamischerer Spielablauf  lässt sich durch Modifikationen des Spielfeldes sicher gut entwickeln. 

Das „NY"-Spiel ist ein Lauf- und Bluffspiel, bei dem die strategischen Möglichkeiten noch weiter ausgearbeitet werden müssen. Der Bewegungsmotor des Spiels  ist eine Auslage von kombinierten Bewegungs- und Aktionskarten. Das Spiel gefällt mir gut. Nach einer ersten Proberunde stellen wir fest, dass die Zusammensetzung der Bewegungsmomente noch nicht ganz stimmig ist und eine weitere Aktionskarte eingeführt werden sollte. Für eine zweite Proberunde fehlt mir die Konzentration, und so verlasse ich die Beiden und genieße noch ein wenig das sonnige Köln. 

Am Samstag berichtet J.P. noch von den Veränderungen im NY-Spiel und dass die letzte Testpartie mit den geänderten Momenten gut verlaufen ist. Das Themenbrainstorming zum Kinderspiel mit Bernhard Weber in Bonn möchte J.P. gern erneut aufgreifen und mit mir in eine kreative Arbeitsphase gehen, um meine Ideen zu dem Spielumfeld und der Spielgeschichte noch weiter zu entwickeln. Ich habe Lust, ein bisschen meinen Bleistift zu schwingen, und so fertigen wir Skizzen zu meinen Themenfeldideen an und denken über technische Details und Lösungen zum Abstellen der Spielfiguren am Spielende nach. Auch die Möglichkeiten der akustischen Gestaltung bei der Spielentwicklung sind bei diesem Spiel besonders reizvoll, und ich hoffe für Jens-Peter und Bernhard, dass sich der Verlag auf diese Dinge bei der Umsetzung des Spiels einlässt. 

Zur Entspannung spielen wir zwei Partien „Fire & Ice" in der neuen Regelvariante. Danach zeigt mir J.P. einen seiner frühen Prototypen, der seit einigen Jahren im Schrank schlummert und noch keinen Verlag gefunden hat. Jens-Peter erzählt, dass er noch einige Projekte hat, an die er glaubt und die irgendwann auch noch einmal angegangen werden sollen. So geht es wohl jedem Spieleautor, der seine Babys in Kästen verstaut im Regal stehen hat. Mir gefällt das Spiel sehr gut. Es ist eine Spinne, die in ihrem Netz sitzt, und durch Ziehen und Stecken der Beine in eine durchbohrte Plexiglasplatte ihren Körper bewegt und so Insekten jagt. Das besondere sind die mit Gummibändern versehenen Beine, die ein physisches Kraftmoment ins Spiel bringen, durch das sich die Spinne bewegt. Das Erleben und Abschätzen der Zugkraft scheint mir ein besonderes Spielmoment für Kinder, und so diskutieren wir die Möglichkeiten der Umsetzung des Spiels für eine spezielle Zielgruppe. Danach zeigt mir Jens-Peter noch sein mit Kirsten Becker entwickeltes Spiel „Auf Zack" sowie „Aronda", ein abstraktes 2 Personenspiel, das er mit Michail entwickelt hat. Bei einem gemeinsamen Kaffee im Restaurant um die Ecke spielen wir dann noch sein Kartenspiel  „Loop", das bei einem indischen Verlag erscheinen wird.

(Bild: Bitte eintreten ins SpieleErfinderStudio von Jens-Peter Schliemann in Köln)

Die vier Tage in Köln waren sehr intensiv. Mit Jens-Peter ist mir ein Mensch begegnet, der bei seiner Arbeit als Spieleautor sehr in Kooperationen denkt. Er versteht es, die Stärken und Schwächen seiner eigenen Ansätze mit seinen unterschiedlichen Kooperationspartner zu kommunizieren und so eine gemeinsame Kreativität zu organisieren, durch die sich sehr unterschiedliche Spielansätze entwickeln können. Wir haben uns, so glaube ich, auch gut ergänzt, und unsere spielerischen Ansätze sind sich in einigen Punkten ähnlich. Diese Übereinstimmungen haben zu einer intensiven und kreativen Atmosphäre beigetragen. Ich freue mich schon darauf, mit Jens-Peter, in der Jury für den nächsten Preisträger des Stipendiums zusammen zu arbeiten. An dieser Stelle noch einmal vielen Dank für die Bereitschaft und das Einlassen auf einen Neuling. 

Uwe Martin 

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