Bericht über das Spieleautoren-Stipendium 2007

Teil 4
Bericht über das Praktikum beim Ravensburger Spieleverlag, Ravensburg

Von Bernhard Kläui

Warum auch in die Ferne schweifen, denn das Gute liegt so nah.....nach nur gut drei Stunden Bahnfahrt dem schönen Bodensee entlang, spaziere ich bereits durch eine der schönsten Städte Deutschlands (die ich kenne - vielleicht werden manche Leser sagen, meine Stadt ist noch schöner!). Leider waren aber die An- und Abreisetage die einzigen warmen und schönen Tage. 

Am Montag wurde ich von Lothar Hemme empfangen und gleich ins Büro der Spiele-Redakteure geführt, wo ich den Platz von Clemens Türck einnehmen konnte, der in dieser Zeit in den Ferien weilte. Mir gegenüber sass ein Ravensburger -"Neuling", aber in Spielerkreisen gar kein Unbekannter: André Maack, der erst sechs Wochen zuvor die Arbeit in Ravensburg aufgenommen hatte. Auch Philipp Sprick war zugegen.
Da am Mittwoch ein internationales Meeting anstand, war klar, dass sich nicht jedermann sofort mit mir beschäftigen konnte. Dies war nicht weiter schlimm, konnte ich doch die neuen Spielmagazine lesen, mich mit den Neuheiten von Ravensburger vertraut machen und die "Ausstellungen" in der grossen Eingangshalle besichtigen.  Die erste eigentliche "Ravensburger Tätigkeit" bestand im Korrekturlesen für ein neues Quizspiel (Thema Fussball). Dazwischen immer wieder Diskussionen über die Spielebranche und den Erfolg bzw. Misserfolg von Spielen. Interessant war zu erfahren, dass noch in den 80er Jahren ein Spiel praktisch ohne Werbung Auflagen von über 100.000 erreichen konnte, während diese Zahl heute angesichts der grossen Vielfalt von Spielen nur noch bei einem Drittel liegt. Ich erfuhr auch, dass früher eine vollzeitlich Angestellte nur damit beschäftigt war, Einsendungen von Spielideen und Prototypen zu sichten (1.200 - 1.500 pro Jahr!) und Antwortschreiben zu verfassen. Verständlich, dass heute Ravensburger einen kleinen Kostenbeitrag verlangt und die Vorschläge zunächst durch eine Agentur prüfen lässt. 
Am Abend war ich bei André zum Spiel eingeladen. Zusammen mit Frank Weiss von der Marketingabteilung spielten wir DEUKALION (Parker) und fachsimpelten nachher über das Spiel.

Dienstag war ein sehr interessanter Tag: Ich konnte den Prototyp IM NAMEN DER ROSE von Stefan Feld mit André und Frank spielen. Dieses Deduktionsspiel gefiel nicht nur mir ausserordentlich gut. Es enthält einen stetig steigenden Spannungsbogen und das ewige Dilemma, wie ich mich während des Spiels verhalten soll, um mich am wenigsten verdächtig zu machen und so das Spiel gewinnen zu können. Auch eine spätere zweite Partie zu viert verlief ebenso spannend. Am Nachmittag wurde der Prototyp einer Erweiterung zu einem Kartenspiel zu sechst getestet. 
Dazwischen wurde ich gefragt, ob ich mir für ein bereits weitgehend bearbeitetes Fragespiel falsche, aber plausible Antworten ausdenken könne, um aus einer grösseren Auswahl jene zwei bestimmen zu können, die für die endgültige Fassung in das Spiel aufgenommen werden sollen. Da war Fantasie gefragt - eine herausfordernde Aufgabe.

Am Abend fuhren wir zusammen mit einer ehemaligen Mitarbeiterin von Ravensburger (jene Dame, die früher die Spiele-Vorschläge sichtete) nach Weingarten zum Spieleclub, wo sich etwa 12 Spieler einfanden. TOLEDO und KELTIS (beide Kosmos) und FINITO (Schmidt) kamen auf unseren Spieltisch. Nebenan vergnügte sich eine Spielrunde mit NOBODY IS PERFECT. 

Am folgenden Tag konnte ich zusammen mit einer französischen Schülergruppe die Produktionsstätte der Puzzles besichtigen. Schade, dass dies nur "Auserwählten" vorbehalten bleibt. Ich kann mir vorstellen, dass viele Käufer von Puzzles staunen würden, wie ein Puzzle vom Stanzbogen bis zur Bereitstellung auf Paletten entsteht. Sehr eindrücklich zu sehen, dass bis zu 17.000 Puzzles auf bis zu 21 Meter hohen Palettenstapeln gelagert werden können - und dies vollautomatisch! Natürlich hätte ich auch gerne die Produktion von Spielen besichtigt. Da dies aber seit einiger Zeit in Tschechien erfolgt, bestand dazu keine Möglichkeit. 
Am Nachmittag erhielt ich von den Kinderspiel-Redakteurinnen einen Einblick in deren Tätigkeit. Klar, dass die PISA-Studie auch in diesem Bereich Spuren hinterlassen hat. Bemerkenswert war für mich, wie viele Lizenzprodukte hergestellt werden.
Schliesslich sass ich noch im Büro "Marktforschung" und erhielt von Kerstin Lindner einen informativen Überblick über ihre Tätigkeit, die Studien und Erhebungen, die gemacht werden, um die Entwicklung des Spielemarktes richtig einschätzen zu können. Da Spiele von der Idee bis zur Verwirklichung eine relativ lange Vorlaufzeit benötigen, wird es in unserer heutigen schnelllebigen Zeit zunehmend schwieriger, die Kundenwünsche und Trends für diese Zeitspanne richtig voraussagen zu können. Gerne hätte ich auf der Topliste eines meiner Lieblingsspiele gefunden, aber so lange es MONOPOLY gibt.....! 

Donnerstag und Freitag hatte ich nochmals Gelegenheit, einen Prototyp mitzuspielen, dessen Name hier noch nicht verraten werden kann. Zwischendurch spielten wir das amüsante WÜRFELBINGO, das aufgrund seiner einfachen Regeln und kurzen Spieldauer bestimmt eine grosse Käuferschar ansprechen wird.
Da mich kürzlich ein Unternehmen anfragte, ob ich für sie ein Spiel entwickeln könnte, hatte ich den Wunsch, auch die Abteilung "Sonderanfertigungen" zu besuchen, wo ich wertvolle Informationen über die Vorgangsweise erhielt.
Die interessante Woche wurde mit einem sehr aufschlussreichen "Vortrag" (im Dialog!) von Lothar Hemme abgeschlossen, der mir den Entscheidungsprozess, angefangen mit den "Business Reviews" bis hin zur Realisation erläuterte. Insbesondere die Selektionskriterien sind für jeden (Hobby-) Autor wichtig zu wissen: Spass, Wiederspielreiz, Spannungsbogen, Thematik/Inhalt und Machbarkeit (Kostenfaktor). 

Abschliessend möchte ich allen Beteiligten, die sich die Zeit genommen haben, mir die Woche bei Ravensburger so interessant und angenehm zu gestalten, herzlich danken. Ich spürte, dass alle Redakteurinnen und Redakteure ihre Aufgaben mit grosser Motivation und Freude und in einer guten Atmosphäre erledigen. Ich danke aber auch für die Grosszügigkeit, mich nicht mit leeren Händen nach Hause fahren zu lassen und freue mich, einige von Euch in Göttingen oder Essen wieder zu sehen. 

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