Bericht über das Spieleautoren-Stipendium 2007

Teil 3
"Praktikumsbericht" - Wenn einer eine Reise tut...

Von Bernhard Kläui

Dies sollte eigentlich der Bericht über die Praktikumswoche in der Spieleburg Göttingen sein. Da ich schon einige Male in einem Spielegeschäft in Zürich in der Weihnachtszeit aushalf, ist mir diese Tätigkeit einigermassen bekannt und so schlug ich angesichts unserer bevorstehenden Weltreise vor, einen Bericht über die besuchten Spieleläden zu schreiben. Unsere 4-monatige Reise führte über Argentinien - Chile - Osterinsel - Tahiti - Fiji - Australien - Hongkong  via Helsinki nach Hause. 

Olé Argentina!

Du bist das einzige Land, in dem wir ein interessantes Spiel - wenn auch nur ein Kartenspiel - fanden: TRUCO. TRUCO ist ein in Südamerika verbreitetes Kartenspiel, das in Argentinien, vor allem in der Provinz Salta sehr populär ist. Die Regeln sind zwar einfach, doch haben wir erlebt, dass je nach Region nach eigenen Regeln gespielt wird. TRUCO kann mit zwei Spielern oder aber im Team mit vier oder sechs Spielern gespielt werden. Von den 40 spanischen Karten erhält jeder Spieler nur drei und damit werden in jeder Runde zwei Phasen abgewickelt: zunächst der "Envido" mit Wetteinsatz aufgrund gleichfarbiger Karten und anschliessend das Stichspiel Truco, ebenfalls mit Wetteinsatz. Ob mit oder ohne "Flor" gespielt wird (drei Karten gleicher Farbe) muss vor dem Spiel ausgemacht werden. Die Würze des Spiels liegt darin, dass geblufft und die Gegner getäuscht werden können, wobei auch gestische Zeichen  und Kommunikation unter den Partnern zum Einsatz kommen. Wer mehr über dieses Spiel wissen möchte, findet eine Beschreibung unter "Wikipedia".

 
Das argentinische Spiel TRUCO... (links) ...und ein Partie TRUCO im Zug (rechts).

Zum ersten Mal hatte ich Gelegenheit, TRUCO in Salta (Nordwest-Argentinien) auf dem Steinboden des parkähnlichen Hauptplatzes zusammen mit Studenten zu spielen. Obwohl ich vorher die Regeln anhand des Buches "Dichos y reglementos del Truco" eingeprägt hatte, wurde mir schnell klar, dass teilweise anders gespielt wurde, was mir den Einstieg natürlich nicht erleichterte. Die Ausgelassenheit und Herzlichkeit der Argentinier war ansteckend und mit Hilfe einer Studentin mogelte ich mich durch die Partien. Der unterhaltsame Abend endete mit einer Diskussion über die Politik Argentiniens und ihrer Präsidentin Cristina Kirchner. 

Meine zweite Partie - oder besser gesagt Lektion - hatte ich in einer Ausstellung, wo ein Bediensteter unter Beizug des Securitas-Wächters (!) mich in das Spiel einweihte. Die Freude, dass ein Ausländer sich für dieses Spiel interessierte, stand ihnen ins Gesicht geschrieben. 

In Mendoza besuchte ich einen Auffrischungskurs für Spanisch. Als Neuankömmling wurde ich nach meinen Hobbys gefragt (die Antwort liegt auf der Hand) und schon in der dritten Stunde weihte uns der junge Lehrer (wir waren nur drei Schüler) spielerisch in die Regeln und Finessen des TRUCO-Spiels ein! Que bueno! 

Auf unserer Reise hatten wir später nochmals Gelegenheit mit einem Jungen zu spielen (auch da eine Abweichung zu den Regeln), ansonsten spielten meine Frau Leena und ich Zweierpartien, denen allerdings die Würze der Gesten fehlt. 

Was gab es sonst an interessanten Spielen? Leider wenig bis nichts. Spielkundige erwähnen noch T.E.G. (Táctica y Estrategia de la Guerra) ein anspruchsvolleres Strategiespiel, allerdings mit der Bemerkung, dass die Spieldauer von 2-4 Stunden doch etwas gar lange sei und deshalb oft vorher abgebrochen werde. T.E.G. hat Ähnlichkeiten zu RISIKO. Der Spielplan zeigt eine stark verzerrte Weltkarte und das Material ist von sehr dürftiger Qualität.

 
RISIKO auf argentinisch (links) und MONOPOLY für Südamerikaner (rechts)

Schliesslich ist noch ESTANCIERO zu erwähnen, ein Monopoly argentinischer Ausrichtung. 

Wirklich interessante Spieleläden gab es kaum zu entdecken. Die meisten führen vor allem Party- und Frage- und Antwortspiele, daneben war JENGA, DOMINO und SCRABBLE - abgesehen von MONOPOLY aller Art - zu sehen. Würden wir "Nordländer" in dieser warmen Klimazone leben, hätten wir wahrscheinlich auch Mühe, uns in den vier Wänden mit einem Brettspiel zu beschäftigen! 

Immerhin fanden wir zwei Lokale  (Restaurants mit Bar), die mit Spielregalen bzw. Kasten ausgestattet waren. Im einen Fall waren die Spiele jedoch derart aufbewahrt, dass man kaum mehr erkannte, welcher Schachteldeckel zu welchem Spiel gehörte und das Material zusammengesucht werden musste. Spieler oder Spielerinnen sahen wir keine, und der Restaurant-Betreiber bemerkte auch, dass aus Geldmangel kaum neue Spiele gekauft werden könnten (wer soll sie denn bezahlen?).

 
Wenig einladendes Spielregal (links) und Kinder spielen ESTANCIERO (rechts)

Dafür erlebten wir, dass drei Kinder im Alter von etwa 7 - 10 Jahren im oberen Stock eines Restaurants ganz allein ESTANCIERO unter Anleitung des ältesten Mädchens spielten und am Ende das ganze Material wieder fein säuberlich verpackten.


Qualitätsmerkmal: Deutsche Spiele

Santiago de Chile

Auch hier gab es nichts zu entdecken, ausser den schon hundertfach gesehenen Spielen, die in aller Welt vertrieben werden. Wie in Argentinien vergnügen sich die Menschen vor allem draussen und dabei spielt Fussball eine grosse Rolle.

Osterinsel

Die Osterinsel-Spiele gibt es nur bei uns! Obwohl sich die Einwohnerzahl seit unserem letzten Besuch vor drei Jahren um 40 % erhöhte (jetzt 4200 Einwohner), sucht man im kleinen und einzigen Ort Hanga Roa vergeblich nach Geschäften mit Spielen - nicht mal ein MONOPOLY à la Rapa Nui konnten wir entdecken! Auf dieser Insel gibt es keine Jahreszeiten, und bei den angenehmen Temperaturen vergnügen sich die Jungen beim Surfen und die Älteren beim Fischen.


Polynesische MONOPOLY-Variante

Tahiti

Hier entdeckten wir immerhin eine "Südsee"- Schachtel: Inhalt MONOPOLY in Polynesien! Verständlich, dass sich die Einheimischen in dieser paradiesischen Gegend anders vergnügen: mit Musik, Gesang und Tanz.

Fiji

Unser Aufenthalt in der Abgeschiedenheit der Insel Vanea Levu war "spielfrei". Die Bewohner des nahe gelegenen Dorfes kennen keine Brett- oder Kartenspiele. Hingegen musste ich mich in einer Pool-Billard Partie jämmerlich geschlagen geben. Ballspiele - vor allem Rugby - sind jedoch sehr beliebt und auf dem kleinen Flughafen von Savusavu fieberten die Verkäuferinnen von Souvenirs mit ihrem Taschenradio am Ohr mit der Mannschaft "ihrer" Insel mit. Mit jedem gewonnen Punkt ging ein Aufschrei durch die kleine Halle. Für das bevorstehende 7-Länderturnier in Hongkong prognostizierten die Einwohner selbstbewusst den Turniersieg für Fiji. 

Australien

 
Unter Schafen: Australisches Brettspiel (links) und Fachgeschäft in Sydney (rechts)

Endlich: in Sydney besuchten das vom letzten Mal bekannte Spielegeschäft: Gamers’ Paradise. Die Auswahl an Spielen ist riesig und auch Kleinverlage sind sehr gut vertreten. Spiele, die bei uns vor Jahren auf den Markt kamen und heute nur schwer verkäuflich sind oder zu stark herabgesetzten Preisen "verschleudert" werden, befinden sich in den Regalen zu normalen Preisen. Punkto Preise: horrend! Ein Beispiel: THURN  & TAXIS wird zu umgerechnet 45 Euro verkauft. Gerne hätte ich mir die englische Auflage von THROUGH THE AGES gekauft, aber bei einem Preis von 85 Euro habe ich mir das verkniffen und warte nun auf die deutsche Ausgabe. Grund für diese hohen Preise sei, dass die Spiele über verschiedene Kanäle den Weg nach Australien finden und hohe Frachtkosten bezahlt werden müssten.

 
Auch am Ende der Welt: Through the Ages (links) und immer ist irgendwo "sale" (rechts)

Natürlich wollte ich dem Verkaufspersonal dieses Spezialgeschäftes auch etwas auf den Zahn fühlen und bat um einige Spielerklärungen. Die Antwort war zumeist: kenne ich noch nicht oder habe ich noch nicht gespielt - und dies auch bei älteren Spielen. Allerdings war der Ladenbesitzer nicht anwesend. Eingefleischte Spieler treffen sich zwar hin und wieder zu einem Spiel, aber bei weitem nicht so oft wie bei uns in den Spieleclubs.

In Adelaide betraten wir den Spieleladen "Infinity Games", in dem der Besitzer Magic-Karten betrachtete und von uns kaum Notiz nahm, während sein Angestellter einen Hamburger ass und mit uns über alles redete, nur nicht über Spiele (Kenntnisse eher dürftig).


Fachgeschäft in Adelaide

Schliesslich entdeckten wir in Perth nochmals ein Geschäft mit riesiger Auswahl. Auch sahen wir einige Warhammer-Läden, in denen Kunden Figuren bemalen konnten.

 
Spielsortiment in Adelaide (links) und WARHAMMER Ist überall (rechts)

Hongkong

Da unser Aufenthalt auf zwei Tage beschränkt war, hatten wir natürlich keine Zeit, um einen "Geheimtipp" auszuspionieren - sofern es einen solchen gibt. Wir fragten an der Reception des Hotels nach einem Tipp. Nach intensiver Beratung zweier Angestellter wurden wir an die Harbour City verwiesen, einem eher exklusiven Einkaufszentrum, wo ein grösseres Spielegeschäft sein sollte. Sie kannten den Namen nicht, bemerkten aber, dass die Preise etwas höher sein könnten als auf der Strasse. So gingen wir hin und suchten im grossen Komplex. Und siehe da, wir wurden fündig: ein riesiger Toys ’r us nahm uns in Empfang! Wir wurden von den verschiedenen Monopoly und UNO Spielen fast erschlagen und suchten schnell wieder das Weite bzw. den Ausgang. 

Am 7. April kehrten wir mit vielen schönen Eindrücken nach Hause zurück, aber mit nur einem Kartenspiel aus Argentinien. Allerdings in Mehrfachausführung: Standardkarten, Gaucho-Karten, Tango-Karten und einer schön gemachten Holzbox zur Aufbewahrung. 

Fazit: es gibt viele verschiedene Paradiese auf dieser Erde, jenes der Spiele liegt definitiv in Deutschland und da habe ich es als Nachbar gut! 

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