Bericht über das Spieleautoren-Stipendium 2007

Teil 2
Bericht über das Praktikum in Köln vom 17. - 22.9.2007

Von Bernhard Kläui

Montag, 17.9.2007
Pünktlich kam der Zug im Kölner Hauptbahnhof an. Leena und ich marschierten Richtung Unterführung in der Annahme, dass Jens-Peter Schliemann in der Haupthalle auf uns warten würde. Kaum hatten wir den Fuss auf die erste Treppenstufe gesetzt, kam er von unten hoch gerannt und streckte uns schon von weitem seine Hand zum Gruss entgegen. Da entglitt ihm aber etwas, das zwischen den Reisenden hindurch auf die Treppenstufen kollerte. Nein, es war keine Münze – es war ein Würfel (manchmal haben die Spieler mehr Würfel als Münzen in der Tasche!).

Jens-Peter führte uns Richtung Köln Mitte, wo er sein Kleinod besitzt. Wie stolz wäre ich doch, so etwas in "Zürich Mitte" zu haben! Das Schaufenster und die Auslage empfingen uns mit "Nacht der Magier", "Burg Appenzell", Fotos und Schriftstücken zum Werdegang unseres Gastgebers. Der Zufall wollte es, dass kurz vor unserem Besuch die Verleihung des Deutschen Kinderspiel-Preises für "Burg Appenzell" bekannt gemacht wurde. Zudem freute sich Jens-Peter über die Auszeichnung der Spielregeln mit der "Essener Feder". 

Zunächst machten wir es uns in Jens-Peters "Ferienwohnung" – wie er sie nannte – gemütlich, durften wir doch auch die Nächte dort verbringen. Bei diesem schönen Herbsttag bot es sich geradezu an, "Burg Appenzell" nicht im Innern, sondern draussen vor der "Schaufensterkulisse" zu spielen. Leider hatten wir keinen Appenzeller-Käse mitgenommen, aber auch ohne machte das Spiel großen Spass.

Jens-Peter zeigte uns danach einige seiner Prototypen: wir spielten "Zone X", ein Spiel, bei dem es darum geht, in einem unterirdischen Labyrinth den richtigen Farbcode zu finden und danach durch die düsteren Gänge zur entsprechenden Maschine zu finden, um sie "starten" zu können. Am Abend trafen wir uns mit andern Spielbegeisterten in einem Restaurant. Dort hatte ich Gelegenheit, meinen Prototyp "Bago" nochmals zu testen, diesmal mit dem Kartenzusatz. Nebenan wurde "Carcassonne" sowie "Zone X" gespielt. Im anschliessenden Gespräch fragten zwei jener Spieler, ob sie auch "Bago" ausprobieren könnten, und wir vereinbarten einen weiteren Spieleabend in Jens-Peters Studio.

Dienstag, 18.9.2007
Zum Aufwärmen spielten wir "Pyramidos", besichtigten den Kölner Dom und erfuhren einiges über die Zusammenarbeit mit den Verlagen und die Tätigkeit von Jens-Peter im Rahmen der SAZ. Höhepunkt des Tages war aber der Besuch bei Michail und Erika Antonow. Nicht nur der Ausblick vom 24. Stockwerk auf die Stadt Köln war beeindruckend, sondern ebenso sehr die Vitalität und "humorige Stimmung" bei den beiden Antonows! Selten haben wir ein Ehepaar erlebt, das uns wie alte Freunde aufnahm (hervorragendes Nachtessen inklusive!), und denen wir noch oft begegnen möchten. Selbstverständlich kamen auch hier die Spiele nicht zu kurz: wir wurden in "Aronda" eingeführt, erfuhren Interessantes über den Werdegang von "ConHex" und "Karibik" und die Zusammenarbeit der beiden Spiele-Erfinder. Auch hatten wir die Gelegenheit, einen andern meiner Prototypen, den "Scheibenwischer" zu spielen, zu dem sich Jens-Peter recht positiv äusserte.

Mittwoch, 19.9.2007
der Besuch von Tom Laroche (Hobby-Spieleautor) und Dennis Lohausen (Grafiker) waren angesagt. Zweck des Besuches war ein Gespräch über die grafische Gestaltung von "Zone X", eine Domäne, die mir bis jetzt verborgen blieb. Jeder durfte seine Ideen einbringen und so ergab sich eine interessante und harmonisch verlaufende Diskussion. Nachdem Dennis uns verlassen hatte, spielten wir zusammen mit Tom meine Prototypen "Sauna-Saari" und "Scheibenwischer", sowie sein Spiel "Berlin 1984". In der  darauf folgenden Diskussion trat deutlich hervor, dass der Begriff "Komplexität" bei Spielen unterschiedlich ausgelegt werden kann. Wir sinnierten dabei u.a. über "TransAmerica", ob dies nun ein komplexes oder doch eher ein lockeres Familienspiel sei.

Schliesslich erzählte ich Jens-Peter auch über meine Erfahrungen als Spiele-Verkäufer (Weihnachts-Aushilfe bei meinem Freund im Spielegeschäft "Rien ne va plus" in Zürich), und wies vor allem darauf hin, dass Spiele beim breiten Publikum sehr oft nach ihrem Aussehen beurteilt werden. Spricht der Schachteldeckel an, wird das Spiel aus dem Regal genommen und hat bereits einen "Vorsprung" gegenüber andern – vielleicht besseren – aber grafisch schlecht gestalteten Spielen. Auch sollte die Abbildung auf der Schachtel nicht irreführen: oft suggeriert sie, dass sich dahinter ein Kinderspiel verbirgt, und es entpuppt sich dann ein anspruchsvolleres Familienspiel. Da braucht es gute Spiele-Berater, um die Kunden auf den "richtigen" Weg führen zu können.

Donnerstag, 20.9.2007
Da Jens-Peter im Oktober eine Ausstellung über seine Spiele und Spielentwicklungen in der Stadtbibliothek eröffnen konnte, gingen wir dorthin, um die Räumlichkeiten anzusehen und die Flyer und Plakate abzuholen. Erstaunlich, wie viele Spiele in dieser Bibliothek für die Ausleihe vorhanden waren.

Anschliessend besuchten wir "Spielekauf K.H. Oerder" und führten interessante Gespräche über die Nachfrage nach bestimmten Spielen mit der "Spielexpertin". Und auch hier wieder die gleiche Feststellung: der Blickfang der  Spieleschachtel bestimmt oft, ob ein Spiel gekauft wird oder nicht.

Für unseren Spaziergang durch die Innenstadt hatte Jens-Peter natürlich vorgesorgt: bei jeder Gelegenheit und Kaffeepause nahm er seinen neuen Prototyp eines Kartenspiels aus der Tasche hervor, so dass wir es ausgiebig testen konnten. Das mit einfachen Regeln ausgestattete Kartenspiel gefiel uns sehr gut, da es dennoch taktische Möglichkeiten und kleine Gemeinheiten bietet.

Am Abend hatten wir den oben erwähnten Besuch der beiden "Bago"-Interessierten. Diesmal liess ich sie zusammen mit Jens-Peter und Leena alleine spielen, gab aber hin und wieder kleine Tipps zu den taktischen Möglichkeiten. Da sich diesmal Jens-Peter nicht mehr mit den komplexen(?) Regeln befassen musste, gefiel ihm das Spiel besser als das erste Mal (schliesslich war er auch der Gewinner!), und auch die beiden Besucher äusserten sich dahingehend, dass sie solche komplexeren Spiele, die ein stetiges Mitdenken erfordern, lieben. So ging ein weiterer erlebnisreicher und Genugtuung bringender Tag zu Ende.

Freitag, 21.9.2009
Nochmals ein Gang zur Stadtbibliothek und anschliessend zu zwei anderen Spiele-Geschäften mit grosser Auswahl. Auf dem Weg setzten wir unsere Diskussion über die angestrebte Stärkung der Autoren gegenüber den Verlagen, die grafische Gestaltung der Spiele und deren redaktionelle Bearbeitung fort. Wir kamen auch kurz auf die Preisverleihung des Förderpreises zu sprechen. Ich fand es hart, mit ansehen zu müssen, wie die übrigen vier Nominierten, aber schliesslich unterlegenen Spiele-Autoren, ohne eine kleine Anerkennung den Rückweg antreten mussten. Vielleicht habe ich Gelegenheit, anlässlich des nächsten Treffens mit der "Jury Spiel des Jahres" darüber reden zu können.

Neben diesen "tiefschürfenden"  Gesprächen spielten wir immer wieder das erwähnte Kartenspiel. Da Jens-Peter die Swiss-Toy in Bern besuchen wird und in der ETH Zürich zurzeit eine Ausstellung "Mathematik im Spiel" stattfindet, luden wir ihn zu uns nach Hause ein, um mit ihm zusammen am Montag diese Ausstellung besuchen zu können. Jens-Peter sagte auch zu, am Abend unseren Spiele-Treff in Stäfa zu besuchen, was meine Spielkolleginnen und Kollegen mit grosser Freude und Erwartung aufnahmen. 
Der Abend klang aus mit einem "Bully"-Spiel (Rate- und Reaktionsspiel), das auf der Michael Bully Herbig Trilogie beruht. 

Samstag, 22.9.2007
Der heutige Tag diente vor allem der Stadtbesichtigung. Im Rosengarten durften wir allerdings noch eine "Mathematikstunde" auf spielerische Art erleben: Jens-Peter erzählte uns, wie das Spiel "Fire and Ice" entstand – von der Idee bis zur Fertigstellung. Und wir lernten was eine "endliche projektive Fläche" ist. Dazu hatte er noch ein anderes kleines Kartenspiel (Prototyp), das wiederum durch seine Einfachheit und witzige Idee bestach. 

Kirchenbesichtigung, Besuch in einer einzigartigen Kriminalbuchhandlung und bei 4711 (Kölnisch Wasser), Spaziergang am Rheinufer, Essen in typischem Kölner Restaurant und abschliessend Besuch einer Dixieland Kneipe rundeten den Tag ab.

Sonntag, 23.9.2007
Da wir erst am Sonntag die Rückreise antraten, durften wir nochmals eine Nacht in Jens-Peters SpieleErfinderStudio schlafen. Wir hatten viel Schönes und Interessantes erlebt und in Jens-Peter einen liebenswürdigen Menschen kennen gelernt. In den sechs Tagen des gemeinsamen Erlebens haben wir eine Freundschaft aufbauen können, die uns hoffentlich noch oft zusammenbringt.

Vielen herzlichen Dank, Jens-Peter und auf ein baldiges Wiedersehen!

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