Bericht über das Spieleautoren-Stipendium 2007

Teil 1
Bericht über das Praktikum im Deutschen Spiele-Archiv Marburg vom 13.-17.8.2007

Von Bernhard Kläui

Da ich mit meiner Frau die Ferien in Finnland verbrachte, war es eine glückliche Fügung, das erste Praktikum auf unserer Rückreise in die Schweiz zusammen mit Leena erleben zu können. Nach einer regenreichen Fahrt durch Schweden und Hochwassergebiete in Fehmarn hofften wir auf besseres Wetter in Marburg, auch wenn Archive (normalerweise) wasserdicht sind! Und so war es denn auch.

Wie unsere Vorgänger standen wir gespannt vor der Tür zum viel gerühmten Archiv. René Aden empfing uns herzlich und zeigte uns vorerst die umfangreiche Bibliothek, wo viel Interessantes über Spiele, Spielpädagogik und Spielgeschichte zu entdecken war. Gott sei Dank war es auch Dr. Bernward Thole möglich, trotz seiner schmerzhaften, aber glücklicherweise auf dem Besserungsweg befindlichen Krankheit ins Archiv zu kommen und uns die vielen verwinkelten Gemächer seines Spielparadieses zu zeigen. In packender Weise schilderte er die Entstehung und Gestaltung des Archivs. Ein besonderer Leckerbissen war das Alex Randolph Studio, das dem Betrachter die Entstehungsgeschichte seiner Spiele vermittelt und dadurch verblüfft, mit welchen Materialien und einfachen Mitteln die Spielideen umgesetzt wurden. Es ist zu hoffen, dass eine breite Öffentlichkeit den Weg zu diesem besonderen Schatz finden wird.  

René Aden zeigte uns auch die für die Auffindung von Spielen sehr hilfreiche und umfassende Datenbank. Dass ich sie nie in Gebrauch nahm, zeugt von der ausgezeichnet strukturierten Einordnung der Spiele in den Regalen.

In dieser Woche öffnete ich viele Spielschachteln, besonders älterer Spiele. Mich interessierten das "Innenleben" und dessen Wandel im Laufe der Zeit, auch in Bezug auf die graphische Gestaltung. Alleine schon der Titel des Spiels konnte Neugierde wecken – was verbirgt sich zum Beispiel hinter dem Spiel "Rettet Möhringen"?  Und unter den vielen Leiterspielen stachen mir "Die lustigen Bärenkinder" ins Auge. So konnte ich auch mit Hilfe der Bibliothek viel Wissenswertes über Spiele und deren Entstehung erfahren. Darüber könnte man eine eigene Abhandlung schreiben. 

Einige Dinge, die ich interessiert oder auch schmunzelnd zur Kenntnis nahm möchte ich nicht vorenthalten:

  • Das Spiel gehört zu den ältesten kulturellen Äusserungen des Menschen, 
    älter als alle in schriftlicher Form niedergelegten Ideen und Gesetze - und da soll noch jemand sagen, spielen sei eine sinnlose Zeitvergeudung!
  • Wer Freude am Spiel hat, wirkt auf seine Umwelt im Allgemeinen fröhlicher als jemand der fürs Spielen nichts übrig hat - ob das bei mir auch so ist?
  • Spiele bestehen darin, einen chaotischen Zustand in die Ordnung zu überführen, wobei deren Definition Teil der Spielmechanik ist - eine interessante Erkenntnis.
  • Spiele sollen einfache, verständliche und gut lesbare Regeln enthalten. In einer Befragung wurde als Kriterium für das Nicht-Spielen u.a. genannt: "Das Lesen ist mir zu langweilig" oder "Wenn ich 10 Seiten lesen muss, um 1x zu spielen, spiele ich gar nicht erst". In unserer hektischen Zeit leider aktueller denn je.
  • Im Hof des Palastes von Kaiser Akbar wurde "Eile mit Weile" auf einem Spielfeld aus Marmor mit in entsprechende Farben gekleideten Sklavinnen gespielt (wie wurden wohl die Farben der lebenden Spielsteine zugeteilt?)
  • Tempelsteinmetze von Kurna in Ägypten schlugen einen Mühlespielplan in den Stein des Giebels und vergnügten sich während der Arbeitspausen (warum bin ich nicht Steinmetz geworden?)
  • 1957 gaben 66 % der Befragten an, schon mal "Schwarzer Peter" gespielt zu haben, 1978 waren es nur noch 5 %! Zu meinen "Zeiten" hatten ihn wohl noch gegen 100 % gespielt - ich jedenfalls mehrmals.
  • 1975: Erwachsene entdecken ein neues Hobby: Nach der Fernseh-, der Trimm- und der Sex-Welle rollt eine neue Woge in bundesdeutschen Haushalten: die Spiel-Welle! (Und was machten wir Schweizer?)
  • 1983: Mit dem Spielen haben es die Deutschen nicht so. Wo man lebt, um zu arbeiten, stösst zweckfreie Beschäftigung auf tiefe Skepsis. Fernsehen ist nützlicher, jedenfalls einfacher. Die Leute sind gewohnt, immer Neues und Anspruchsvolleres vorgesetzt zu bekommen. Sie sind andererseits aber nicht mehr bereit, sich dafür anzustrengen und etwa eine komplizierte Spielregel zu erlernen (Ravensburger Artikel-Serie). (neuer "Aufwärtstrend" des Fernsehens dank immer zahlreicherer Programme?)
  • Die deutsche Spielszene 1985: "Vielleicht aber ist es für die Öffentlichkeit nicht so bedauernswert, wenn die Gesamtzahl an Spielen reduziert wird, da man den Blick eventuell nicht so schnell verdeckt bekommt durch zweit- und drittklassige Titel. Bei weniger Spielen auf das zu stossen, was einen spielenswert erscheint, könnte positiv sein. Aber die Firmen sollten in einigen Fällen gezielter auf das eingehen, was noch unbekannte Autoren anzubieten haben." Der letzte Satz gefällt mir als "zu fördernder Nachwuchsautor" natürlich besonders gut!

Am letzten Tag unternahmen wir noch einen kleinen gemütlichen Altstadtbummel zusammen mit Dr. Bernward Thole, und auch da konnten wir wiederum von seinem grossen Wissen kulturhistorischer Entwicklungen profitieren. Er gab uns auch Einblick in seine Zukunftspläne, deren Realisierung dem Kulturgut "Spiel" weitere Impulse geben dürfte. Schlusspunkt unserer "Reise durch Marburg" bildete die beim Archiv mit Ehrfurcht betrachtete Tafel, vor der nur das Tholemobil parken darf!

Nun reisen wir nach fünf eindrucksvollen "Archivtagen" und interessanten Gesprächen mit Dr. Bernward Thole und René Aden in die Schweiz zurück. Auf unserem Weg werden wir bestimmt viel über das Erlebte diskutieren und uns auf das nächste Praktikum im September im SpieleErfinderStudio von Jens-Peter Schliemann freuen.

Dr. Bernward Thole und René Aden danken wir herzlich für ihre gastfreundliche Aufnahme und die uns gewährte Freiheit, in ihrem Archiv nach Lust und Laune rumstöbern zu dürfen. Marburg – und das Deutsche Spiele-Archiv sind eine Reise wert!

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