Bericht über das Spielautoren-Stipendium 2006

von Matthias Prinz Stipendiat 2006

Teil 1 seines Praktikumsberichts

Ich kann es immer noch nicht fassen: Ich habe das Autorenstipendium der Jury „Spiel des Jahres“ gewonnen. Auf mich warten vier spannende Kurzpraktika in Marburg (Deutsches Spielearchiv), Ravensburg (Ravensburger Spieleverlag), Göttingen (Spiele-Fachhandel „Spieleburg“) und in der Pampa (3 Magier Verlag). Jedes Einzelne wird besonders und darauf freue ich mich.

Spielearchiv Marburg

Meine erste Station sollte das Deutsche Spielearchiv in Marburg sein. Während viele meiner Vorgänger im Spätsommer dort anreisten und die wunderschöne Stadt bei Sonnenschein erkunden durften, bin ich einen anderen Weg gegangen: Ich habe mir den Dezember ausgesucht.
Da gibt es zwar keine Sonne, aber dafür Zimt- und Glühweindüfte auf einem gemütlichen Weihnachtsmarkt in der historischen Altstadt.

Sonntagabends komme ich an und finde mich ein wenig in Marburg zurecht. Die Stadt ist einfach toll und die Innenstadt gehört mit zu den schönsten Fußgängerzonen, die ich bis dahin kennen lernen durfte. Das Archiv liegt ganz unscheinbar am Rand der Fußgängerzone. Ich laufe erst einmal daran vorbei, bevor ich bei genauem Hinsehen das Schild „Deutsches Spielearchiv“ entdecke. René Aden begrüßt mich und führt mich am ersten Tag herum. Er zeigt mir die ausführliche Bibliothek, die neben zahlreichen Büchern zu allen Bereichen mit dem Thema Spiel auch ein lückenloses Kompendium aller gängigen Spielemagazine beherbergt. Hier sollte ich mich alleine 1 ½ Tage herumtreiben und recherchieren.

Dann darf ich das Allerheiligste des Gebäudes betreten: Das Spielearchiv in den Kellerräumen. René sperrt die erste Tür auf und führt mich in den Vorraum. Hier stapeln sich Spiele der letzten Messen und warten darauf, im PC katalogisiert zu werden. In einer anderen Ecke stapeln sich alte Sammlerstücke, die Bernward Thole, der Leiter des Archivs, auf Flohmärkten zusammengekauft hat. Durch eine weitere Tür geht es aber nun ins eigentliche Archiv. Ich bin ganz schön beeindruckt. Die Spiele sind nach Methodik sortiert, beginnend bei den Würfel- und Glücksspielen, über Legespiele und Denkspiele, Rollenspiele, Geschicklichkeitsspiele und und und.

 

Wow, denke ich, ganz schön viele Spiele. Aber dann öffnet René eine weitere Tür oder führt mich um eine Ecke und immer wieder ist da noch ein Raum, in dem die Spiele bis zur Decke gestapelt sind. Nach fünf oder sechs solcher Räume sind wir dann einmal durch und René lässt mich auf eigenen Wunsch erst mal alleine. Ich schlendere den ganzen Tag nur durch die Gänge, nehme Spiele aus den Regalen und schaue rein. Am nächsten Tag nutze ich die Gelegenheit und packe im Spieleraum (dort findet alle zwei Wochen ein Spieleabend statt) meine eigenen Prototypen aus und lasse mich von der Atmosphäre des Archivs treiben.

Es ist unglaublich, wie kreativ sich plötzlich alles entwickelt. Ein Spiel, das ich seit einem halben Jahr für unspielbar erklärt habe, entwickelt sich fast wie von selbst weiter und es funktioniert. So geht es die nächsten zwei Tage weiter. Am Dienstag findet in der Stadtbibliothek in Marburg ein Spieleabend statt, bei dem vom Team auch Spieleempfehlungen für das anstehende Weihnachtsgeschäft gegeben werden. Am Donnerstag dann zeigt mir Bernward Thole, der die ganze Woche unterwegs war, da er vom Bundespräsidenten Herrn Köhler persönlich geehrt wurde („Deutschland – Land der Ideen“), das Alex Randolph Studio, das auch im Spielearchiv untergebracht ist. In dieser beeindruckenden Sammlung finden sich Prototypen von Randolph, die teils er selbst und teils sein Hauszimmermann in Venedig angefertigt hat. Unter anderem kann man hier die Entwürfe für die Rüsselbande-Ferkel und die maskierten Spielfiguren aus Inkognito bestaunen. 

Abseits des Spielearchivs entdecke ich die Stadt Marburg zusammen mit einem Schulfreund, der dort studiert. Er führt mich hoch zur Burg, die über der Stadt thront und von wo aus man einen wunderschönen Blick über die ganze Stadt hat. 

Freitagnachmittag verlasse ich Marburg wieder und weiß genau, dass ich wiederkommen werde, dann vielleicht, um die sonnige Seite dieses kleinen Städtchens zu entdecken.

Erfahrungsbericht Ravensburg

Die zweite Station meiner Spielereise führte mich ins südliche Baden-Württemberg in das schöne Städtchen Ravensburg. Welchen Teil meines Stipendiums ich dort absolvierte, muss ich wohl nicht näher erklären. Ankunft Montagmorgen und mit dem Taxi direkt zum Firmenhauptgebäude im Industriegebiet Ravensburg. Witzigerweise hat dies ebenfalls die Form eines Dreiecks. Rita Weber, die „gute Seele“ der Redaktion, empfängt mich und führt mich zur zweiten Etage, Abteilung „Spiele, Puzzles und Kreativartikel“. Im ersten Geschoss hat sich übrigens der Buchverlag breit gemacht. Das war’s auch schon. Ich bin verwundert, wie klein das Gebäude doch eigentlich ist.

Immerhin arbeitet rund die Hälfte der 890 Angestellten der Ravensburger Zentrale in diesem Gebäude. Die andere Hälfte ist im benachbarten Produktionsgebäude beschäftigt und kümmert sich um die Produktion, Konfektionierung, Qualitätssicherung und Vertrieb der Spiele. Nachdem ich in jede Abteilung mal meine Nase reinstecken und mich kurz vorstellen konnte, ist der Tag auch schon fast gelaufen. Das ist mir aber ganz recht, da ich sowieso noch in meinem Hotel einchecken muss und mich für die restliche Woche vorbereiten möchte. Rita (wir sind alle schnell „per Du“) hat mir einen tollen Terminplan geschnürt. Jeden Tag habe ich mindestens einen Termin in einer anderen Abteilung.

Ravensburger Produktion (Bild: Ravensburger)

Mein Hauptsitz ist aber in der Redaktion Gesellschaftsspiele. Dort sitze ich neben den Redakteuren Lothar Hemme, Clemens Türck und Philipp Sprick. Auch der Volontär Grischa Zimmermann sitzt dort und die Mädeln von den Kinder- und Lernspielen. Am Dienstag habe ich einen Termin mit Ulrich Reiferscheid von der technischen Produktentwicklung. Dort werden Materialien gesucht, gestaltet und die Zusammensetzung der Spielmaterialien bestimmt. Anschauungsobjekt ist ein 20 cm großer Pirat aus „Um Ru(h)m und Ehre“, der die Vorlage für die tatsächlichen Spielfiguren geliefert hat. Grundsätzlich gilt also: Wenn die Redaktion ein Spiel plant, ist eine der ersten Anlaufstationen die technische Produktentwicklung, um zu erfragen, ob und wie sich die Spielideen mit geeignetem Material und Kostenaufwand umsetzen lassen. Abends lädt mich Philipp auf einen Spieleabend ein, bei dem dann Spiele der Konkurrenz ausprobiert werden. Man muss ja auch immer wissen, was aktuell auf dem Markt passiert.

Der Mittwoch steht ganz im Zeichen von Prototypentests. Wir treffen uns nicht in der Redaktion, sondern bei Philipp zu Hause, um in Ruhe zu „spielen“. Schon nach diesen wenigen Tagen ist mir klar, warum Prototypen manchmal recht lange in der Redaktion liegen. Es fehlt einfach die Zeit! Wir spielen und testen in 11 Stunden (!) viele Spiele und trotzdem bleiben noch etliche übrig, die wir nicht schaffen. 

Donnerstag habe ich einen proppenvollen Terminplan. Morgens treffe ich Robert Kujawa in der Herstellung.

Im Verlagsmuseum (Bild: Ravensburger)

Hier geht es um die Vorbereitung des Drucks, also vor allem um die Bereitstellung der Druckvorlagen für SO und SU (Abkürzungen sind dort ganz beliebt, SU = Schachtelunterseite, SO=Schachteloberseite) und der Spielpläne. Mittags darf ich bei einem Kick Off-Meeting für die Essen-Neuheiten dabei sein. Hier werden Termine besprochen und ein Projektplan grob aufgestellt, also konkret: Welche Dokumente müssen zu welchem Zeitpunkt in welcher Abteilung sein, damit rechtzeitig zur Messe die Produkte ausgeliefert werden können. Danach habe ich ein sehr ausgiebiges Gespräch mit Lothar Hemme, der mir über den Alltag bei Ravensburger und die allgemeine Spielekultur erzählt. Abends treffe ich dann noch Frank Weiß, der die Position des Produktmanagers für Gesellschaftsspiele innehat. Er erzählt mir über die finanziellen Aspekte der Spieleentwicklung. Er ist verantwortlich für die Produkte und das Portfolio und überwacht das Budget und die Deckungsbeiträge.

Plötzlich ist schon Freitag und nach einem sehr interessanten Vortrag von Tom Ring, dem Abteilungsleiter für DesignEntwicklung (er besteht auf dem Großbuchstaben mitten im Wort!) darf ich mir mit dem Gewinner der Labyrinth-Meisterschaft und seiner Frau eine Unternehmenspräsentation anschauen. Danach geht es in die Innenstadt ins Verlagsmuseum. Hier gibt es eine Menge über die Geschichte und Entwicklung des Ravensburger Spieleverlages zu sehen und zu erleben.

Um 17 Uhr sitze ich wieder im Zug und schreibe diese Zeilen. Ich schaue noch mal über den Text. Schon über eine Seite? Wahnsinn, aber vielleicht wird auch klar, wie sehr mir das Praktikum gefallen hat. Ich habe mich wirklich mit dem Unternehmen identifiziert. Das liegt aber auch daran, dass ich in allen Bereichen mitdiskutieren durfte, nirgendwo ausgeschlossen wurde und sich wirklich JEDER für mich Zeit genommen hat und nicht nur ein paar Minuten, sondern immer über eine Stunde intensives Gespräch.

Mir hat es wirklich sehr gut gefallen (und nicht nur wegen des berüchtigten REMI-Shops, in dem man leicht beschädigte Spiele aus dem Werk für Schleuderpreise kaufen kann), vor allem auf Grund des tollen Teams und der super Atmosphäre. Deshalb möchte ich mich noch einmal ausdrücklich bei allen bedanken, die mir diese tolle Woche ermöglicht haben.

Wie man sieht, sind dies nur zwei Berichte zu eigentlich vier Praktika. Das liegt daran, dass ich das Praktikum im Göttinger Spieleladen „Spieleburg“ mit dem Göttinger Autorentreffen verbinde und so der Einsendeschluss natürlich nicht mehr eingehalten werden konnte. Das Praktikum beim Drei Magier Verlag musste ich leider ebenfalls aus diversen Gründen mehrmals verschieben, so dass es momentan im August geplant ist. Die entsprechenden Berichte werden natürlich nachgereicht.

Logistik bei Ravensburger (Bild: Ravensburger)